Juli 14, 2008 at 18:22 · Filed under Befindlichkeiten
Nun gut, ich gebe zu, daß der Titel die tatsächlichen Geschehnisse dramatisiert aber mal der Reihe nach…
Ich saß gerade im Restaurant bei Pfannengemüse und Traubensaftschorle, als es zu hageln begann. Der Wind trieb ein paar Hagelkörner zum Fenster herein, wo sie auf meiner Tasche schmolzen und in einem dünnen Rinnsal auf den Boden tropften. Mein Gegenüber blickte ein wenig besorgt nach oben, obwohl es dort nur die Decke zu sehen gab, murmelte etwas von “Unwetter” und widmete sich wieder seinem überdimensionierten Steak. Der Wind zog an, ich fröstelte und schloss das Fenster. Als wir beim Dessert angelangt waren, ging draußen gerade die Welt unter.
Ein wenig später schlenderte ich Richtung Schloßplatz, das Wetter hatte sich deutlich gebessert, als ich das Alte Schloß passierte. Auf Höhe der Mediasäule hörte ich ein seltsames Knirschen – CHRRRR. Ich blickte nach oben und sah, erst schemenhaft, dann ziemlich deutlich, ein Stück des Schloßgemäuers auf mich zufallen. Mit weit geöffnetem Mund und unkoordiniert umherbaumelnden Armen (der Mensch stammt eben doch vom Affen ab) ging ich einen Schritt beiseite und starrte auf das Stück Stadtgeschichte, das neben mir mit einem lauten Klatschen zu Boden ging. ”Wow” dachte ich und bückte mich nach dem Brocken. Den Blick zum Himmel dann, sah ich, daß dem alten Schloß nun ein kleines Stück des Mauerwerks fehlte. Ich hielt das Beinahe-Schädeltrauma fest in meinen Händen. Dann wickelte ich es in eine Papiertüte und nahm es mit nach Hause. Seitdem liegt es friedlich auf meiner Anrichte und staubt ein. Wie es sich für hundertjahraltes Gemäuer gehört.
Juni 13, 2008 at 13:53 · Filed under Menschen
Ich lege Wert darauf, den Friseur beim ersten Besuch gleich wissen zu lassen, daß ich weder für Wetterschön-Geplapper noch für Details zu meinem Privatleben zu haben bin. Diesen Job erledigen andere für mich. Ich beantworte Fragen höflich, aber knapp und schließe bei jeder sich bietenden Gelegenheit in einer ich-bin-nicht-ansprechbar-Manier die Augen. Vor vielen Jahren habe ich in dem SZ-Magazin jetzt von einem Typen um die fünfzig gelesen, der bereits jahrzehntelang kein Wort gesprochen hat. Um auch außerhalb seiner vier Wände nicht in Konversationszwang zu geraten, hat er sich einfach Kopfhörer aufgesetzt. In der Annahme er höre Musik, hat ihn dann auch niemand angesprochen. Fand ich prima, den Kerl. Zwar hatte er auch ein paar weniger amüsante Marotten, wie zum Beispiel, daß er sich tagein tagaus von gedünstetem Kraut ernährt hat aber hey, who’s perfect? Diese Ausgabe der jetzt habe ich sehr lange aufbewahrt – bis zum letzten Umzug. Eigentlich schade drum.
Aber zurück zum Friseur: Nachdem das Verhältnis zwischen mir und meinem Friseur A. in die Brüche gegangen war, habe ich mir ein neuen Figaro suchen müssen. Und so ließ ich mir heute von T. die Haare schneiden.
Ich verschwende nie viel Zeit auf Smalltalk. Friseurbesuch – Geiselbefreiung. Hallo T., ich bin Z. und ich möchte Pony und Spitzen geschnitten haben. Nein, keine Stufen und ne, “freche” Fransen bitte auch nicht. Ich bin auch so frech, das soll man mir nicht noch ansehen. T. hat meine Bedürfnisse erkannt – ich wollte waschen, schneiden, föhnen mit minimalster Kommunikation und das habe ich bekommen. Trotzdem war ich hinterher etwas unzufrieden.
Na ja, prinzipiell ist es gar nicht so übel, wenn ich unmittelbar nach dem Friseurbesuch unzufrieden bin. Das liegt nämlich zu 99% daran, daß Friseure eine andere Auffassung von “glatt” haben als ich. Während glatt bei mir im volksüblichen Gebrauch glatt meint, denken Friseure an “fatzeglatt” beziehungsweise an “untragbar glatt”. Ich sage also “Ich will sie glatt.” und der Friseur versteht “Ich will aussehen als hätte ich Schnittlauch auf dem Kopf.” Da fatzeglatte Haare nichts sind, was sich nicht beseitigen lässt, bin ich mit einem unzufriedenstellenden Friseurbesuch letzten Endes also doch zufrieden. Ich muß mir nur die Haare waschen und selbst glätten – oder in den Regen kommen.
Mai 29, 2008 at 06:11 · Filed under Befindlichkeiten
So oder ähnlich zumindest. Im Sommer bin ich permanent unterwegs. Ich habe eine gute Zeit, aber keine davon zu berichten. Habe mich zum Zwitschern bekehren lassen und bekomme deshalb zweiwöchentlich wider besseren Wissens (Twitter ist nunmal keine Hölderlinverssammlung) eine Banalitätenkrise.
Fliege nun zwei Wochen nach Japan. Eindrücke sammeln, runterkommen. Auf daß sich ein alles-prima-hier-in-Stuttgart-Gefühl einstellt. Und ansonsten gilt: Im Westen nichts Neues.
Mai 9, 2008 at 08:30 · Filed under Menschen
Als mich meine Quartalsfreundin anrief, sie habe uns – mein Einverständnis vorausgesetzt – Karten für eine Lesung mit Charlotte Roche besorgt, wollte ich mich einfach mal überraschen lassen. Ich wußte, daß die Frau eine Sendung namens Fast Forward moderiert und sich in Protest übend eine Zeitlang die Achselhöhlen nicht rasiert hatte – und natürlich wußte ich, daß sie unlängst ein Schweinkram-Buch mit dem Titel “Feuchtgebiete” geschrieben hat.
Über das Buch wurde ja schon viel gesagt – es ist vor allem pfui und bäh, ansonsten ein bisschen zu gewollt krude und deshalb nicht weiter der Rede wert. Aber Charlotte, die ist ein lecker Mädschn. Sie klimpert einen aus großen dunklen Augen an, geht wie die Unschuld und wirkt auch dann noch zuckersüß, wenn sie Dinge sagt, für die man ihr den Mund mit Seife auswaschen sollte. So bekommt man als Frau mehr als einen Grund geliefert, seine sexuelle Orientierung noch mal zu überdenken.
Nach der insgesamt sehr amüsanten Lesung taperte ich schon Richtung Ausgang, als meine Freundin (deren sexuelle Orientierung im übrigen von vorneherein zu Charlottes Gunsten ausfiel), mich zum Signier-Tisch zerrte und mir abnötigte für ein meet & greet mit good Charlotte anzustehen.
Damit endete der Abend im Fan-Vollprogramm: Widmung, Signatur und Photo mit der Grinsekatze.
Schön war’s.
April 25, 2008 at 08:07 · Filed under Zu Tisch
Als ich Flügge wurde, in Ausbildung ging und zuhause auszog, entzogen mir meine Eltern strafeshalber jede finanzielle Zuwendung. Mir wurde schnell klar, daß sich der Verzicht nicht nur auf Reisen ins ferne Ausland beschränken, sondern mich auch in meinen Grundbedürfnissen einschränken würde. Und so machte ich meine Mutter, die uns Kinder mit stillem Wasser (Orangensaft nur am Wochenende, ein kleines Glas zum Frühstück, Ostersonntag auch mal zwei, Cola, Fanta, süßer Sprudel nur im Traum oder beim Nachbarskind) großgezogen hat, dafür verantwortlich, daß ich eine ausgeprägte Affinität zu einem Wasser eines bestimmten Herstellers entwickelte.
Als ich feststellte, daß mein mageres Lehrlingssalär dieses nicht rechtfertige, suchte ich in nicht enden wollenden Wasserdegustationen einen würdiger Nachfolger für aber-bitte-nicht-mehr-als-19-Cent-die-Flasche – und wurde fündig, auch wenn mir diese Umstellung erst mal gar nicht schmeckte: Wasser ist einfach nicht gleich Wasser und 18 Jahre Prägung nicht so einfach auszumerzen.
Zeit verstrich und mein Lieblingswasser blieb Restaurant- und Elternbesuchen vorbehalten – ich bekam schon beinahe ein schlechtes Gewissen, es aus schierem Durst zu trinken. Was den andern der Rotwein, war mir mein Wasser.
Lang ist’s her und mittlerweile würde es mich auch nicht mehr in den Ruin treiben – aber irgendwie ist die Luft raus. Heute trinke ich allerorten Leitungswasser. Das muß man nicht die Treppen raufschleppen und ist immer schon vorgekühlt. Ich denke nur selten an den wirklichen feinen Geschmack (nach Calcium, Kalium und wie sie alle heißen, aber vor allem nach Kindheit) meines Lieblingswassers zurück – wie heute, wenn mir mein Kollege einen Gefallen tun will und mir eine Flasche Volvic aus der Caféteria mitbringt – das schmeckt nämlich einfach nur widerlich.
April 21, 2008 at 11:45 · Filed under Menschen
Manchmal lohnt es sich, das Rad wegen exzessiven Regengußes stehenzulassen, zur U-Bahn zu hechten und einen Euro für eine Kurzstrecke zu opfern. Denn manchmal bekommt man zwei Haltestellen lang etwas geboten. Wie neulich. Ein Tyler-Durden-Klon oder zumindest ein blonder Typ, der zuviel Fight Club gesehen hatte, tauchte plötzlich vor mir als Reflektion in der Scheibe auf. Mit Pelzmantel über muscleshirt und tiefschwarzer Sonnebrille (an einem düsteren Dienstagmorgen) bestückt, stand er eine Spur zu breitbeinig in der Mitte des Waggons.
Seine Coolness war omnipräsent.
Ein Anzugträger glotze Tylers Pelzmantel an, als ob dieser jede Sekunde wieder zum Tier werden könnte, während zwei Frauen in seine Richtung blickend zu tuscheln anfingen. Mr. Durden konnte das nichts anhaben – er starrte professionell ins Nichts seiner dunklen Gläser. Am Hauptbahnhof dann stieg er aus der Bahn und verschwand im wochentäglichen Menschengedrängel.
Ich frage mich, wie das die Leute machen, die tagtäglich innerstädtisch mit den Öffentlichen unterwegs sind – erliegen die angesichts der Freakdichte nicht irgendwann einer Reizüberflutung…?
April 11, 2008 at 14:57 · Filed under Für Elise
In meinem Schweiz-Urlaub hat die Festplatte meines Macbooks mitsamt aller Daten das Zeitliche gesegnet – seitdem bin ich computerlos, denn bei Gravis braucht man bereits zweieinhalb Wochen für den Tausch einer ordinären HD…
Heute nun habe ich mein Auto in erbärmlichen Zustand vorgefunden: Das Dach (Stoff) komplett aufgeschlitzt, Front, Seite und Heck mit tiefen Kratzern durchzogen. Gut nur, daß ich vor 4 Monaten für viel Geld die Front habe komplett lackieren lassen… Die Versicherung wird den Schaden übernehmen. An mir kleben bleiben dennoch 500 Euro Selbstbehalt und eine Rückstufung, die die nächsten 3 Jahre insgesamt nochmal 1000 Euro ausmacht – na ja, den Schaden selbst bezahlen wäre natürlich viel schlimmer…
“Life’s a bitch…”
April 3, 2008 at 11:52 · Filed under Menschen
Die Dinge sind nicht mehr so, wie sie einmal waren. Nachdem ich ein Jahr lang in anderen Salons fremdgegangen war, fand ich meinen Friseur A. in deprimierender Kondition wieder. Sein ehemals ranker Oberkörper steckte wie eine Presswurst in dem engen schwarzen Oberteil, um seine Augen zogen sich tiefe Furchen, die Stirn glänzig, der Händedruck klamm – einzig die Frisur saß. Tonlos fragte er mich, wo ich das letzte Jahr denn gewesen sei. Ich gestand neben ihm noch andere gehabt zu haben, wodurch sich die Situation nicht gerade entspannte. Schweigend schnitt er an meiner Mähne herum, nachdem das mit dramatischer Schönheit gesegnete Lehrlingsbübchen mir die Haare gewaschen hatte. Den glanzlosen Blick meines Friseurs im Spiegel, haderte ich ein bisschen mit meinem, seinem und des Lehrlings Schicksal, bis ich mich damit arrangierte, daß unser Geschäftsverhältnis irreversibel zu Schaden gekommen war. Ich bezahlte, gab ein beschwichtigend hohes Trinkgeld und verließ eilig den Salon.
März 24, 2008 at 13:09 · Filed under Befindlichkeiten
Ich mag es, im Schnee der Spur des Vordermanns zu folgen, Schritt für Schritt, mit grösstmöglicher Präzision in die Fussstapfen eines anderen Menschen zu treten, den Blick auf den Boden gerichtet, mit einer angenehmen Schwere im Kopf, die keine anderen Gedanken zulässt. Zwischendurch innehalten, den Kopf heben, blinzeln müssen und sich im Nebelmeer verlieren, dass sich am Fuss des Sees bildet.
Ich hatte 16 Grad und Sonnenschein erwartet, Fahrten durch die Weinberge, ein wundervolles Konzert, gutes Essen bis zum umfallen, schöne Abende bei Freunden und Ideen für das neue Buch.
Ich habe bekommen -2 Grad und Sonnenschein, eisglatte Strassen, ein wundervolles Konzert, gutes Essen bis zum umfallen, schöne Abende bei Freunden, einen irreversiblen Festplattenschaden und ein gebrochenes Herz.
März 16, 2008 at 17:39 · Filed under Menschen
Ich: Was hast du denn für einen neuen Pyjama?
Er: Kurzarm&-bein
Ich: Farbe?
Er: Oberteil is #40afe1 und Unterteil ist #00405e
Freak.
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