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Auto Salon Genf

Mir dünkt, die Hostessen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Natürlich ist der Autosalon Genf keine dieser Messen, in denen sich die Mädchen in Tigermusterstringtangas und knapp sitzenden BHs quer über das Auto schmeissen (was nebenbei gesagt, die Sicht auf des Pudels Kern, also das Auto, auch nicht leichter macht) aber etwas mehr Appetitlichkeit hätte ich mir schon gewünscht. Stattdessen schienen dieses Jahr – vielleicht als Ausdruck der Betroffenheit über die weltweise Krise – mausgraue Kostüme mit wahlweise ebenfalls mausgrauen Pumps oder braunen (!) Stiefeln angesagt zu sein. So gesehen zumindest bei den Stuttgartern, den Münchnern, den Ingolstädtern… – I could go on. Auch war die Gesamtzahl der Hostessen überschaubar. Wo früher an jedem Auto ein oder zwei dieser Schönheiten nur darauf warteten, einem etwas schmackhaft zu machen, das man ohnehin nienicht wird bezahlen können, mußte man die allesamt gelangweilt dreinblickenden Damen regelrecht suchen – und dann, ganz wichtig, auf deutsch oder englisch ansprechen. Denn obwohl der Auto Salon in Genf stattfindet, beherrschten die Damen en gros die Landessprache nicht. Peinlich. Und so blieben natürlich auch die entrüsteten Franzosen von nebenan nicht aus, die sich wiederum mit jeder anderen Sprache als ihrer eigenen ziemlich schwertun (man möge mir das bisschen Polemik verzeihen).

Nichtsdestrotrotz war es schön. Lotus hatte sein neues Baby Evora dabei (irgendwas zwischen 911 und Europa und alles in allem eine Spur zu komfortabel) und natürlich den Exige – die sinnlichste Art, siebzig tausend Euro loszuwerden. Auffallend war, daß über alle Hersteller hinweg die Farbe weiß sehr dominant war, was dann wohl die Heerschaar an Jungs mit Poliertüchern erklärt. Teilweise mit schon leicht debilen Grinsen taten sie Auto um Auto ihr Werk, wischten, polierten, immer schön Zähne zeigend, die neugierigen und gierigen Tatscher der Besucher weg.

So machte die Menschenschau fast mehr Spaß als die Autoschau aber nach gut zwei Stunden war auch damit Schluß und wir verließen beladen mit den obligatorischen Giveaways das Messegelände. Bis nächstes Jahr!

Hush, Puppy.

Ich beobachte gerne und oft Menschen. Und ich tue es unauffällig. Ich habe auch kein Problem damit, beobachtet zu werden – solange es nur dieses leise irgendwas-fällt-mir-an-dieser-Person-auf-und-ich-will-sie-eine-Weile-lang-ansehen-Beobachten ist. Anders sieht es aus, wenn man auf eine verhuschte Weise angestarrt wird. Ich fuhr mit der Bahn, setzte mich neben zwei Jungs, vielleicht 14, und lauschte nicht etwa ihrem Gespräch, sondern Tegan & Sara. Der lockige Blondschopf neben mir drehte sich zu mir um und sah mich an. Ungefähr zwei Sekunden zu lange, also schaute ich zurück. Er schaute weg. Okay, dann eben nicht. Nach kurzer Zeit schaute er wieder. Und wieder und wieder und wieder. Für 2 Stationen einfach zu oft. Ich war leicht genervt. Ich stieg aus und wie ich im Augenwinkel sah, wie er seinen Kopf nach mir drehte, blieb ich stehen und schaute ihn an. Er schaute zurück. Sein Gesichtsausdruck bekam etwas verlegenes. In Gedanken ging ich alle mir bekannten 14-jährigen Jungs durch. Die Liste war verdammt kurz. Kein Sohn irgendeiner Freundin, kein nur jünger aussehender Azubi, kein Nachbarskind, nix. Ich kannte ihn nicht. Ich zog eine Augenbraue hoch, drehte mich um und ging weiter. Als die Bahn losfuhr, konnte ich mir nicht verkneifen, mich noch mal umzudrehen. Sein Blick war weiter auf mich gerichtet. Er hob seine Hand zu einem Gruß – und dann war er weg.

Manchmal ist U-Bahn fahren unheimlich.

Zum Jahresende

Spätestens wenn die ersten Weihnachtskarten eintrudeln, deren salbungsvollen Worte eine Warmherzigkeit versprechen, die gegen jeden Nachtfrost anstinkt, packt sie mich, die heimelige Melancholie des Winters.

Warten auf das nächste Jahr. Ich blättere in Lieblingsbüchern, lese nur die schönsten Passagen, stapfe im Müßiggang mit meinen albernen, roten Gummistiefeln durch den Schneematsch einer Stadt, die es nie zu einer weissen Weihnacht bringen wird. Die eine Hand umklammert fest die Leine eines Lebewesens, dessen Welt sich unaufgeregte vierzig Centimeter über dem Boden abspielt, die andere sucht unter der Kleidung Schutz vor der Kälte.

Sehr schlimm: eingeladen sein, wenn zu Hause die Räume stiller,  der Café besser und keine Unterhaltung nötig ist. – G. Benn

Nostalgische Rückblicke, verträumte Festtagsreden und familiäre Liebesbekundungen. Ein Fernsehsender nach dem anderen strahlt den “ultimativen Jahresrückblick” aus. Politisch, literarisch, theologisch, tierisch. Der Fall eines Popsternchens, ein schwangerer Mann und all die anderen Sommerlochthemen werden breitgetreten, genau wie das Wichtige, das Böse und das ganz grosse Schlimme. Fernsehen, überhaupt, ein Sentimentalitätsvehikel.

Ein Jahresrückblick also. Mein Gedächtnis ist ohne Not gesagt lückenhaft. Reelle zeitliche Abfolgen haben gegen gefühlte Zeitspannen kaum eine Chance. Gefühl schlägt Verstand. Auch deshalb führe ich jahreinjahraus einen Kalender. Der Kalender ist mein Leben. Vampirromantisch und überaus pathetisch gesagt: Verlöre ich ihn – mein Leben zerfiele zu Staub.

Ein solcher Daseinszeuge will möglichst unprätentiös aufbewahrt werden -  also liegen meine Kalender In einer Plastikbox von IK*A. Die ist so steril und charakterlos, wie ein Aufbewahrungshälter für so etwas charakterstarkes wie ein Leben eben sein sollte. Seit ich vergangene Weihnacht ein nettes Gadget geschenkt bekam, hat die Papierliebhaberei ein Ende – und ich zum ersten Mal eine Sicherungskopie meines Lebens. Ein beruhigendes Gefühl, sich nicht auf die Dichtigkeit einer ramschigen in Gottweißwo produzierten Schwedenbox verlassen zu müssen.

Dieses Jahr war ein Jahr des Reisens. Normalerweise eher eine Daheimgebliebene, war ich die letzten zwölf Monate ziemlich viel unterwegs – quer durch Deutschland, die Schweiz und im Juni dann, langgehegt, durch Japan. Ich hatte ein gutes Jahr mit meinen Freunden und Bekannten. Ein Jahr voll schönen Wetters, durchzechter Nächte, besonderer Gaumenfreuden und guter Gespräche. Aber natürlich auch ein Jahr der weniger schönen Dinge. Krankheit und Tod schleichen um ein jeden von uns herum, wie ein hungriger Löwe um seine Beute. Das einzige was man damit machen kann, ist das beste daraus und vor allem weiterzumachen. 

Manche Jahre ziehen an einem vorbei, ohne daß man sie in nennenswerter Erinnerung behält. 2008 wird für mich wohl so ein Jahr werden. In diesem Sinne: Schafft es gut rüber ins Nächste: 2009.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Pralinenclub. Das klingt nach Kaffeefahrt mit Oma, nach Schmuddelheftchen oder Bücherclubknebelvertrag. Aber keineswegs seriös. Wie kann es also passieren, daß ich da jetzt Mitglied bin? Wie immer sind andere Schuld. Oder ein anderer. Denn mein Kollege W. ist für so ziemlich jede meiner kulinarischen Verfehlungen verantwortlich. Und so auch für diese. Das bilde ich mir zumindest ein.

“Sag mal, Liebchen – kennst Du eigentlich…?” Bei diesem Satz ahne ich bereits, daß ich ganz stark sein muß. Ich versuche mich an einem möglichst unbeteiligten “Hmmm?” und starre weiter auf meinen Bildschirm. Er legt los.

Phase 1: Schwärmen. Schwärmen, bis einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Phase 2: Kostprobe auspacken.

Phase 3: Einen zum Mittäter machen.

Es vergehen also keine 5 Minuten und ich habe eine handgefertigte Praline im Mund, die sich “Bienenstich” nennt. Leider schmeckt sie sehr gut und so bleibt mir nichts anderes übrig auch eine zweite zu probieren. Und eine dritte. Meine Nährwertbedenken schiebt Kollege W. mit einem “In Maßen genossen, was macht das schon?” beiseite, während Kollege A. abwechselnd irgendwas von “Das macht dick.” und “Sind die lecker.” vor sich hinmurmelt. Ich ahne bereits, aus der Nummer komme ich nicht mehr raus.

Keine halbe Stunde später lehnt sich Kollege W. zufrieden in seinem Stuhl zurück, faltet die Hände über dem Bauch und sagt: “Und beim nächsten Mal können wir uns dann über die einzelnen Sorten austauschen – ist das nicht toll?” 

Na ja, wenigstens sind die AGB erfrischend tückenlos.

Im übrigen

Ich komme mir ja selbst lächerlich vor, wenn ich eine Station lang in meiner Handtasche nach einer Fahrkarte krame, die ich gar nicht habe. Aber was erwarten von einem Sonntagsschwarzfahrer?

Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Schneid.

Im Restaurant

Die Hinfahrt.
Wir entschieden uns für öffentliche Verkehrsmittel. Sie sagte, ihr Ticket sei erst ab 18 Uhr gültig, klagte, daß es dumm gewesen sei die S-Bahn um 17:57 Uhr auszuwählen und jammerte, als wir spät am Bahnsteig ankamen und die Bahn gerade fortfuhr. Ich wollte, daß es ein guter Abend wird – und sagte nichts.

Die Karte.
Im Restaurant ging ich erst einmal auf die Toilette. Als ich wiederkam, studierte sie bereits die Karte. Und sie studierte sie, als ich mir mein Essen ausgesucht hatte. Und sie studierte sie noch, als das Paar, daß 10 Minuten nach uns hereingekommen war, bereits die Getränke serviert bekam. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und beobachtete sie beim Aussuchen. Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einem kleinen Ärgernis. Sie holte hörbar Luft: “Ich will eine Vorspeise, aber dann ist das Hauptgericht zuviel. Können wir uns das Hauptgericht Nr. 23 teilen?”, fragte sie. “Sorry, ich würde gern die 41 essen.” - ”Das mag ich aber nicht”. Ich schluckte leer und sagte so freundlich und verbindlich wie möglich: “Dann tut es mir Leid.” 

Sie nickte pikiert und vertiefte sich wieder in die Karte. Der Kellner war zwischenzeitlich zwei mal da gewesen. Sie sah sich die Lammfleischgerichte an und fragte genervt: “Ja und da gibt’s nichts dazu, oder wie?”.

Alarmbereitschaft.

“Doch”, summte ich beschwichtigend, “da gibt’s zu jedem Gericht Reis”. “Das steht doch auch da” – und zeigte mit dem Finger auf den Satz “Zu jedem Gericht servieren wir Basmati-Reis”. Nicken. Sie suchte weiter.

Es ist okay, sich sein Essen mit Sorgfalt auszusuchen.

Als das Pärchen nun bereits bei der Vorspeise war, war das kleine Ärgernis zu mir herübergekrochen und hatte sich in meinem Nacken festgesetzt. “Und, findest Du was?” sagte ich tonlos und winkte gleichzeitig den Kellner heran. Murren, dann ein verkniffenes “Dann nehme ich halt das Lamm”.

Die Bestellung
Ich gab meine Bestellung auf, dann sie: “Ich nehme das Lammfleisch mit Gemüse. Ich möchte zu diesem Gericht aber keinen Reis, ich möchte stattdessen lieber mehr Gemüse.” Der Kellner zögerte, sagte dann: “Gut, wir machen Ihnen gerne mehr Gemüse dazu, den Reis gibt es sowieso separat.”

Sie: “Ich will aber gar keinen Reis dazu haben. Ich esse Fleisch nicht mit Reis.”

Er: “Sie müssen keinen Reis essen, es gibt eine gemeinsame Schale mit Reis” -

Sie: “Ja, aber ich will überhaupt keinen Reis. Ich esse zu Fleisch keine Kohlenhydrate, verstehen Sie?”

“ICH möchte gerne Reis”, sagte ich gepresst - und zum Kellner: “Bitte bringen sie einfach weniger Reis”.

Sie seufzte. ”Ich hoffe, daß es sich auch tatsächlich um unterschiedliche Gemüsesorten handelt und nicht nur um so undefinierbare Stückchen in einer Sauce, denn damals, beim Perser, waren das nur Bohnen. Da kann von Gemüse ja nun nicht wirklich die Rede sein.”

Ich nickte.

Das Essen
Als das Essen serviert wurde, stellte ich mit Erleichterung fest, daß es sich um eine ordentliche Portion Gemüse handelte. Der Abend schien die Kurve gerade noch mal bekommen zu haben. Ich nahm mir Reis. Sie zögerte, und nahm dann auch von dem Reis. Dazu erklärte sie missmutig: “Also, das kann ich ja jetzt wirklich nicht nur so essen, da werde ich ja nie satt.”

Ich verfiel in betretenes Schweigen, während sie mir von irgendwelchen ihr bekannten Kellnern aus irgendwelchen Bars erzählte. Auf der Heimfahrt sagte sie: Das nächste Mal gehen wir zum Italiener. Ich sagte nichts. Aber dieses nächste Mal wird es nicht geben.

Zugezogen

Hin und wieder finde ich Dinge auf meiner Festplatte. Ähnlich wie mit meiner IKEA-Plastikbox, in der sämtliche Unterlagen erstmal unsortiert landen, bis ich mich nach einem halben Jahr erbarme und sie in die jeweiligen Ordner einhefte, befindet sich auf meiner Festplatte ein Ordner “Stuff”, in dem alles landet, was ich vorerst nicht sortieren oder zuordnen möchte. Vorerst bedeutet manchmal einen Monat. Oder ein Jahr. Oder zwei.

 

Auf jeden Fall habe ich gestern eine Datei mit meinem ersten Beitrag, den ich im Stuttgart Blog geschrieben habe, gefunden:

 

Böse Zungen würden mich als Landpommeranze im Städtle bezeichnen. Ich sage lieber Dorfkind, das nun im nächstgrößeren Dorf wohnt. Unschuldig wie ich bin, habe ich mir den allerfeinsten Stadtteil ausgesucht: Mitte – Bohnenviertel.

 

Am Anfang waren die Nächte hart. Zwar hielten die Schallschutzfenster was sie versprachen, aber daß die Fenster ihre wundersame lärm hemmende Wirkung im geöffneten Zustand (Sauerstoff des Nächtens soll ja gut sein – wobei zu bezweifeln ist, dass das was da reinkommt auch solchen enthält) nicht entfalten können, kam mir natürlich erst nachdem ich eingezogen war. Nun wohne ich an keiner stark befahrenen Straße und trotz Nutten rechts und links hält sich das nächtliche Gegröle besoffener Freier in Grenzen, aber wenn man vom “quasi-Land” kommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren man sei lautstärketechnisch in Disney World gelandet.

 

Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt, genauso wie an die Prostituierten, malträtierte Pflänzchen im Blumenbeet vorm Haus (der Eigentümer pflanzt sie mit einer stoischen Gelassenheit immer wieder nach), das nächtliche Flutlicht der Feuerwehr, Dealer und Typen die einen fragen was es kostet auch wenn man ziemlich öd bekleidet ist. Und ich wundere mich natürlich auch über nichts und niemanden mehr. Als ich zum Beispiel neulich nachts tadelnd von einer Prostituierten darauf hingewiesen wurde, ich hätte mein Auto auf dem Gehweg abgestellt und würde aufgrund dessen abgeschleppt werden, bäffte ich nur ein „Mich schleppt wenigstens noch jemand ab“ zurück und verschwand ziemlich schnell im Haus, bis in die frühen Morgenstunden bangend, mein Auto könne am nächsten Morgen von rachsüchtigen Nutten demoliert worden sein.

 

Aber natürlich liebe ich s’Städtle trotzdem! Während ausgehen für mich früher ein echtes Highlight war, bin ich jetzt andauernd in Sachen persönlichem Amusement unterwegs. Ich komme um Cafés, Bars, Theaterhäuser, Kinos, Museen und den Schlosspark einfach nicht herum. Ich treffe Freunde und Bekannte zufällig, geplant oder kurzfristig vereinbart und das Montagdienstagmittwochdonnerstagfreitagsamstagsonntag. Daß ich dabei doppelt so viel Geld ausgebe wie vorher ist nebensächlich.

 

Ach ja, in diesem großen schwäbischen Dorf trifft man alles und jeden (eine Taube die einem ungefragt aufs Autodach kackt, den ungeliebten Exfreund) und nichts und niemanden (den rechten Parkplatz zur rechten Zeit, den gutaussehenden Nachbarn von oben drüber) Und man begegnet netten Menschen. Jeden morgen um ziemlich genau 7:13 Uhr durchquere ich die Karlspassage im Breuninger, wo ich auf den immergleichen Wachmann stoße, der mir freundlich zunickt.  Einige hundert Meter weiter dann grüßt mich freundlich die Blumenhändlerin. Die musste ich mir leider erst erziehen. Als ich die erste paar Mal an ihr vorüberging und zaghaft lächelte, hat sich mich noch ignoriert, später misstrauisch beäugt. Nach einer Weile bin ich vom Lächeln zum Grüßen übergegangen und habe das so konsequent durchgezogen, daß sie irgendwann nicht mehr anders konnte. Seitdem strahlt sie mich morgens an, wenn ich die Straße hochkomme. Nächste Woche fahre ich in den Urlaub – sie wird mich vermissen.

 

Der Urlaub ist übrigens auch der Grund weshalb ich das hier schreibe. Bin schon länger stille Leserin des Stuttgart Blogs und wollte für den Fall dass ich meinen Urlaubstrip im indischen Ozean nicht überlebe, einfach mal loswerden, wie sehr ich diese Stadt mag. Und Konvertiten sind ja bekanntlich die schlimmsten. Amen.

Volksfest 2008

 

Nur gut, daß es endlich Schausteller gibt, die auf die frühreife Jugend von heute reagieren und  den Sex- und Treuetest direkt neben dem Kinderkarussell platzieren.

VerZWEIFELt

Ich kann Zweifel-Wortspiele nicht besonders leiden. Deshalb ist der Titel auch nur ungewollt eins. Denn ich war es wirklich.

Jeder Mensch besteht mehr oder minder aus kleineren und größeren Spleens und Süchten und einer meiner Ticks lässt sich sicherlich bei meiner Affinität zu Zweifel Paprika-Chips vermuten. Da Chips im allgemeinen und Zweifel-Chips im Besonderen sich weder preislich- noch nährwerttechnisch als tägliches Zubrot eignen, handle ich den Verzehr einer Tüte Zweifel-Chips als eine Art Fest ab.

Ungefähr zwei bis dreimal im Monat küre ich einen Tag zum Zweifel-Tag und begebe mich zum Supermarkt meines Vertrauens, um eine Tüte zu erwerben. Ich bin immer ganz dankbar (auch wenn das vordergründig anders aussehen mag), wenn sie die 90g Packungen da haben, dann habe ich im Anschluß wenigstens kein Bauchweh, weil ich in meinem Wahn die ganze 175g-Packung komplett aufgefuttert habe. Zweifel-Chips sind Suchtmacher, n’est-ce pas?

Es war also so ein Tag. Ich wachte mit einer leisen Ahnung von Zweifel-Chips auf. Der Gedanke verfestigte sich im Laufe des Tages und zu fortgeschrittener Stunde war ich schon festen Willens. Ich verzichtete am Nachmittag auf mein Eis und brachte stattdessen meinem gutherzigen Mechaniker 3 Kugeln mit, der mir im Gegenzug meine zu Bums gefahrene Kennzeichenhalterung wieder befestigte. Während er da so vor meinem Auto lag und am Kennzeichen rumfummelte, lehnte ich am Heck, beobachtete ihn wohlwollend und dachte über Zweifel-Chips nach.

Gegen Abend machte ich mich dann auf dem Weg in den Supermarkt. Jetzt bloß rein da, Chips holen und raus. Geiselbefreiung. Ich bog nach dem 3. Mittelgang rechts ab und mein Blick streifte gleich das Chips-Regal. Links unten waren sie beheimatet.

Eigentlich.

Ich schluckte leer – und dann spürte ich ihn kommen. Herr Unmut schlich sich an. Ganz vorsichtig. Als er sich seiner Beute sicher war, sprintete er los und krallte sich mit einem beherzten Sprung in sein Opfer: mich. Rien ne va plus.

Ich verließ ich den Laden und ging einige hundert Meter weiter in den nächsten Supermarkt. Aber nichts. Chio, Pringels und wie sie alle hießen. ZWEIFEL, verdammt! Also ging ich noch mal zurück. An der Kasse saß ein Kassierer, der mir schon öfter aus diversen Nahrungsmittelpatschen geholfen hatte. “Entschuldigung”, sagte ich und verzog einigermaßen weinerlich das Gesicht. “Welche ihrer Filialen in Stuttgart führt denn noch Zweifel-Chips?” – “Wieso? Sind keine mehr da?”. Ich senkte den Blick, schnappte hörbar nach Luft und stieß dann aus: “Nein! – Und ich brauche doch so dringend welche. Die Original. Mit Paprika. Wenn ich das gewußt hätte!” Pause. “Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte sie auf Vorrat gekauft.” Meine Mundwinkel gaben ein Trauerspiel ab. Er sah betroffen aus. “Wir haben ab morgen eine Aktion”, sagte er zögerlich. “Die Ware ist im Lager, aber ich weiß nicht, ob… ach, folgen sie mir mal.” Er bediente noch eine Kundin, schloß die Kasse und rief seinem Kollegen ein “Bin mal kurz hinten!” zu. Ich nickte artig und folgte. Er murmelte etwas vor sich hin und bedeute mir dann zu warten. Als er wieder kam sprach sein Gesicht Bände und überflüssigerweise fügte er hinzu: “Die Chips sind schon da, aber die Ware ist noch nicht registriert. Ich darf sie nicht verkaufen.” Ich machte große Augen. Stille. Er schaubte und verschwand abermals. Als er zurückkam, trug er 10 Minitüten Original Paprika-Chips auf dem Arm. “Gratismuster” sagte er tonlos. Dann ein lächeln. “Ohhh” seufzte ich möglichst dankbar. Er stopfte mir die Tüten in eine Tragetasche und überreichte sie mir mit gespielter Feierlichkeit. “Schönen Abend, das Fräulein!”. Ich dankte, versprach hastig für immer treuer Stammkunde zu bleiben und rauschte aus dem Laden.

Vor dem Eingang öffnete ich eine der kleinen Tüten und nahm zwei Chips heraus. Sie schmeckten wunderbar. Wie immer.

Japan in Fetzen

Tokyo ist New York ist Paris ist London oder Eine Stadt ist eine Stadt ist eine Stadt. Die Menschen sind urban gelassen oder auch einfach nur durchgeknallt. Als wir in Akihabara (Tokyos Electric City) ankommen, hat unweit gerade jemand sieben Menschen getötet.

Im Flugzeug sitzen über fünfzig Prozent Japaner – und es werden mehr. Überall Schulmädchen. Reihenweise betreten wippende Pferdeschwänze die Kabine. Ich schließe die Augen und lausche ihrem Singsang. 

All you can eat (but don’t want to) Es hilft nichts, Starbucks und McDonalds zu verachten, wenn all das andere Essen noch untragbarer ist. Ich bin mir sehr sicher: Japan mag keine Vegetarier. 

Urlaubskarten schreiben kann einen belastenden Charakter entwickeln. Das Postkartenformat schüchtert mich in Drückerkolonnenmanier ein. Bloß nicht zuviel schreiben. Und nicht über den Rand. Journalisten tun mir Leid. Die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl Zeichen muß depressionsfördernd sein.

Landsmann getroffen. Romandie. Sehnsucht nach Rösti. Stattdessen Supermarkt-Tiramisu zu Abend und Algen zum Frühstück.

Es ist schwierig in Japan ein Geschäft zu betreten, ohne gleich von fünf Angestellten in einer Sprache, die man nicht versteht, zur Begrüßung angeschrieen zu werden. 

Japanischer Regen ist Melancholie. Er umarmt einen bleiern, durchtränkt Kopf und Verstand. Dakota Suite. Man kann es hören.

Ich finde mich in einer Karaoke-Bar wieder. Um keinen Alkohol trinken zu müssen, stelle ich mich dumm. We’re just bloody tourists.

Japanische Züge sind voll Ehr’. Sauber, leise, schnell, diskret. 

Manchmal muß man sich Situationen einfach ergeben, zum Beispiel der, daß beide Flüge Verspätung haben oder ich nicht mehr sagen könnte, welcher Teil meines Körpers nicht schmerzt.

24-Stunden-trip. In dem Moment, in dem ich sitze, bin ich mir sicher wie noch nie in meinem Leben, hier nie wieder aufstehen zu wollen. Meine kurz zuvor gefassten Pipipläne sind verworfen. Die Blase kann warten.

Randnotiz: Japanische Aufzüge fackeln nicht lange.

Wie ich da im Flugzeug sitze, fiebrig und übernächtigt, legt sich M.s kleine Hand auf meine. Zärtlich tätschelt sie sie und deckt mich mit ihrer Jacke zu. M. ist so sehr Mutterliebe, wie sie nur in russischen Großfamilien geboren werden kann.

Hier entlang, bitte.

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