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Archive for Zu Tisch

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Pralinenclub. Das klingt nach Kaffeefahrt mit Oma, nach Schmuddelheftchen oder Bücherclubknebelvertrag. Aber keineswegs seriös. Wie kann es also passieren, daß ich da jetzt Mitglied bin? Wie immer sind andere Schuld. Oder ein anderer. Denn mein Kollege W. ist für so ziemlich jede meiner kulinarischen Verfehlungen verantwortlich. Und so auch für diese. Das bilde ich mir zumindest ein.

“Sag mal, Liebchen – kennst Du eigentlich…?” Bei diesem Satz ahne ich bereits, daß ich ganz stark sein muß. Ich versuche mich an einem möglichst unbeteiligten “Hmmm?” und starre weiter auf meinen Bildschirm. Er legt los.

Phase 1: Schwärmen. Schwärmen, bis einem das Wasser im Mund zusammenläuft.

Phase 2: Kostprobe auspacken.

Phase 3: Einen zum Mittäter machen.

Es vergehen also keine 5 Minuten und ich habe eine handgefertigte Praline im Mund, die sich “Bienenstich” nennt. Leider schmeckt sie sehr gut und so bleibt mir nichts anderes übrig auch eine zweite zu probieren. Und eine dritte. Meine Nährwertbedenken schiebt Kollege W. mit einem “In Maßen genossen, was macht das schon?” beiseite, während Kollege A. abwechselnd irgendwas von “Das macht dick.” und “Sind die lecker.” vor sich hinmurmelt. Ich ahne bereits, aus der Nummer komme ich nicht mehr raus.

Keine halbe Stunde später lehnt sich Kollege W. zufrieden in seinem Stuhl zurück, faltet die Hände über dem Bauch und sagt: “Und beim nächsten Mal können wir uns dann über die einzelnen Sorten austauschen – ist das nicht toll?” 

Na ja, wenigstens sind die AGB erfrischend tückenlos.

Im Restaurant

Die Hinfahrt.
Wir entschieden uns für öffentliche Verkehrsmittel. Sie sagte, ihr Ticket sei erst ab 18 Uhr gültig, klagte, daß es dumm gewesen sei die S-Bahn um 17:57 Uhr auszuwählen und jammerte, als wir spät am Bahnsteig ankamen und die Bahn gerade fortfuhr. Ich wollte, daß es ein guter Abend wird – und sagte nichts.

Die Karte.
Im Restaurant ging ich erst einmal auf die Toilette. Als ich wiederkam, studierte sie bereits die Karte. Und sie studierte sie, als ich mir mein Essen ausgesucht hatte. Und sie studierte sie noch, als das Paar, daß 10 Minuten nach uns hereingekommen war, bereits die Getränke serviert bekam. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und beobachtete sie beim Aussuchen. Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einem kleinen Ärgernis. Sie holte hörbar Luft: “Ich will eine Vorspeise, aber dann ist das Hauptgericht zuviel. Können wir uns das Hauptgericht Nr. 23 teilen?”, fragte sie. “Sorry, ich würde gern die 41 essen.” - ”Das mag ich aber nicht”. Ich schluckte leer und sagte so freundlich und verbindlich wie möglich: “Dann tut es mir Leid.” 

Sie nickte pikiert und vertiefte sich wieder in die Karte. Der Kellner war zwischenzeitlich zwei mal da gewesen. Sie sah sich die Lammfleischgerichte an und fragte genervt: “Ja und da gibt’s nichts dazu, oder wie?”.

Alarmbereitschaft.

“Doch”, summte ich beschwichtigend, “da gibt’s zu jedem Gericht Reis”. “Das steht doch auch da” – und zeigte mit dem Finger auf den Satz “Zu jedem Gericht servieren wir Basmati-Reis”. Nicken. Sie suchte weiter.

Es ist okay, sich sein Essen mit Sorgfalt auszusuchen.

Als das Pärchen nun bereits bei der Vorspeise war, war das kleine Ärgernis zu mir herübergekrochen und hatte sich in meinem Nacken festgesetzt. “Und, findest Du was?” sagte ich tonlos und winkte gleichzeitig den Kellner heran. Murren, dann ein verkniffenes “Dann nehme ich halt das Lamm”.

Die Bestellung
Ich gab meine Bestellung auf, dann sie: “Ich nehme das Lammfleisch mit Gemüse. Ich möchte zu diesem Gericht aber keinen Reis, ich möchte stattdessen lieber mehr Gemüse.” Der Kellner zögerte, sagte dann: “Gut, wir machen Ihnen gerne mehr Gemüse dazu, den Reis gibt es sowieso separat.”

Sie: “Ich will aber gar keinen Reis dazu haben. Ich esse Fleisch nicht mit Reis.”

Er: “Sie müssen keinen Reis essen, es gibt eine gemeinsame Schale mit Reis” -

Sie: “Ja, aber ich will überhaupt keinen Reis. Ich esse zu Fleisch keine Kohlenhydrate, verstehen Sie?”

“ICH möchte gerne Reis”, sagte ich gepresst - und zum Kellner: “Bitte bringen sie einfach weniger Reis”.

Sie seufzte. ”Ich hoffe, daß es sich auch tatsächlich um unterschiedliche Gemüsesorten handelt und nicht nur um so undefinierbare Stückchen in einer Sauce, denn damals, beim Perser, waren das nur Bohnen. Da kann von Gemüse ja nun nicht wirklich die Rede sein.”

Ich nickte.

Das Essen
Als das Essen serviert wurde, stellte ich mit Erleichterung fest, daß es sich um eine ordentliche Portion Gemüse handelte. Der Abend schien die Kurve gerade noch mal bekommen zu haben. Ich nahm mir Reis. Sie zögerte, und nahm dann auch von dem Reis. Dazu erklärte sie missmutig: “Also, das kann ich ja jetzt wirklich nicht nur so essen, da werde ich ja nie satt.”

Ich verfiel in betretenes Schweigen, während sie mir von irgendwelchen ihr bekannten Kellnern aus irgendwelchen Bars erzählte. Auf der Heimfahrt sagte sie: Das nächste Mal gehen wir zum Italiener. Ich sagte nichts. Aber dieses nächste Mal wird es nicht geben.

Stille Wasser sind tief

Als ich Flügge wurde, in Ausbildung ging und zuhause auszog, entzogen mir meine Eltern strafeshalber jede finanzielle Zuwendung. Mir wurde schnell klar, daß sich der Verzicht nicht nur auf Reisen ins ferne Ausland beschränken, sondern mich auch in meinen Grundbedürfnissen einschränken würde. Und so machte ich meine Mutter, die uns Kinder mit stillem Wasser (Orangensaft nur am Wochenende, ein kleines Glas zum Frühstück, Ostersonntag auch mal zwei, Cola, Fanta, süßer Sprudel nur im Traum oder beim Nachbarskind) großgezogen hat, dafür verantwortlich, daß ich eine ausgeprägte Affinität zu einem Wasser eines bestimmten Herstellers entwickelte.

Als ich feststellte, daß mein mageres Lehrlingssalär dieses nicht rechtfertige, suchte ich in nicht enden wollenden Wasserdegustationen einen würdiger Nachfolger für aber-bitte-nicht-mehr-als-19-Cent-die-Flasche – und wurde fündig, auch wenn mir diese Umstellung erst mal gar nicht schmeckte: Wasser ist einfach nicht gleich Wasser und 18 Jahre Prägung nicht so einfach auszumerzen.

Zeit verstrich und mein Lieblingswasser blieb Restaurant- und Elternbesuchen vorbehalten – ich bekam schon beinahe ein schlechtes Gewissen, es aus schierem Durst zu trinken. Was den andern der Rotwein, war mir mein Wasser.

Lang ist’s her und mittlerweile würde es mich auch nicht mehr in den Ruin treiben – aber irgendwie ist die Luft raus. Heute trinke ich allerorten Leitungswasser. Das muß man nicht die Treppen raufschleppen und ist immer schon vorgekühlt. Ich denke nur selten an den wirklichen feinen Geschmack (nach Calcium, Kalium und wie sie alle heißen, aber vor allem nach Kindheit) meines Lieblingswassers zurück – wie heute, wenn mir mein Kollege einen Gefallen tun will und mir eine Flasche Volvic aus der Caféteria mitbringt – das schmeckt nämlich einfach nur widerlich.

Ficken?

Nein, keine Aufforderung. Ich habe vor einigen Tagen mal wieder ziemlich entsetzt feststellen müssen, daß ich langsam alt werde, zu wenig auf Partys gehe oder beides. Zumindest kannte ich Ficken nicht. Und das obwohl Ficken populär zu sein scheint.

Partyschnaps
Bildchen zum Selberspiegeln

Das 20-ml Fläschchen habe ich ja noch gerne leer getrunken (thanks, M., for introducing) aber eine gemeinsame Zukunft kann ich mir mit Ficken nicht vorstellen – zu kirschig, zu süß, zu jung-und-willig und natürlich ist der Name auch einfach nur dumm ;-)

Gutes aus der Schweiz

Heute morgen hat sie mich gepackt, die Lust auf eine Scheibe Sonnenblumenkernbrot mit gesalzener Butter und einer hauchdünnen Schicht Cenovis. Was früher mein Pausenbrot im Kindergarten und der Schule war, liebe ich auch heute noch.

Mittlerweile erobern zwei meiner Lieblingsprodukte – Zweifel Chips und Rivella – den deutschen Markt, Cenovis hat es mit seiner Streichwürze bislang noch nicht versucht. Liegt vielleicht daran, daß es hierzulande unüblich ist sich Bierhefe auf’s Brot zu schmieren.

Was ist Cenovis eigentlich? Wie auch bei Rivella liegt der Ursprung von Cenovis in der Wiederverwertung von “Resten”. Übrig gebliebene Hefen, die zur Fermentation von Bier benötigt werden, wurden mit Wasser, Gemüseextrakt und Kochsalz unter Zusetzung von Vitamin B1 zu einer Paste verarbeitet, die auch ein guter Energielieferant sein soll. Das Unternehmen rühmt sich heute noch damit, daß Cenovis zur “Notration der Schweizer Soldaten” gehörte. Der Geschmack von Cenovis ist ziemlich speziell, auf jeden Fall sehr salzig/würzig, vielleicht ein bisschen wie Maggi Fix.

Besonders gut schmeckt Cenovis auf Weißbrot oder mit Nudeln. Bitte die Butter dazu nicht vergessen.

So, und jetzt wird gefrühstückt.

Olivenöl im Zwetschgenkuchen?

Ich mag zwar vom Backen keine wenig Ahnung haben, aber daß Olivenöl im Zwetschgenkuchenteig nicht gut tut, darauf wäre sogar ich gekommen. Meine Freundin offensichtlich nicht, denn die buk gestern einen Zwetschgenkuchen mit Olivenöl (anstatt neutralem Öl), in dessen Resultat der Boden nach Pizza und der Belag nach Konfitüre schmeckte. Aus schierer Höflichkeit habe ich mein Stück natürlich aufgegessen. Ich hoffe sie backt diesen Kuchen nie wieder, denn ich würde ihn vermutlich höchstens im schwangeren (und damit geschmacksverirrten) Zustand nochmal herunterbekommen.

Gestern bei Sydney’s

Ab und zu gehe ich mal in’s Sydney’s essen, einem guten, wenn auch etwas hochpreisigen australischen Restaurant in der Calwer Straße. Leider hatten wir diesen “speziellen” Kellner (dessen Bild hier zu veröffentlichen wohl seine Persönlichkeitsrechte verletzen würde), der bisher bei jedem Besuch entweder mich oder eine meiner Begleiterinnen ziemlich öd angebaggert hat. Das liegt nun weniger daran, daß wir besonders begehrenswert sind, als an seinem wohl grundsätzlich penetranten Charakter. Eingangs begrüßte er mich gleich mit einem “Hallo schöne Frau, Dich kenne ich, Du bist öfter da!”, um den dann meine Freundin zu nerven. Wir waren bereits kurz davor, nach einem anderen Kellner zu verlangen, als Gott beschloss uns zu begnadigen (wahrscheinlich auch weil mir mit L. eine gute Christin bei uns hatten) und einen Schichtwechsel organisieren ließ. Und so wurde der Rest des Abends doch noch sehr lässig. Das Essen war wie immer sehr gut – ich hatte das Vegetarian Curry, die anderen Emu, Krokodil und Känguruhfleisch – , man konnte prima draußen sitzen und mit der zweite Bedienung hatten wir auch mehr Glück.