Bis daß der Tod uns scheidet
Es gibt hier Ehepaare, die arbeiten in der selben Abteilung, sitzen sich gegenüber, essen gemeinsam in der Kantine und fahren zusammen nach Hause.
Ob sie wohl auch heimlich zusammen auf Toilette gehen?
Es gibt hier Ehepaare, die arbeiten in der selben Abteilung, sitzen sich gegenüber, essen gemeinsam in der Kantine und fahren zusammen nach Hause.
Ob sie wohl auch heimlich zusammen auf Toilette gehen?
Heute Nachmittag fuhr ich gerade mit der Straßenbahn vom Klavierunterricht nach Hause, als ich an der Haltestelle ein Ensemblemitglied des Staatstheaters stehen sah. Zwar kenne ich seinen Namen nicht, aber ich hatte ihn vor einer Weile in einem Stück gesehen und mich unheimlich gut unterhalten gefühlt. Wie er da stand und etwas verloren ins Nichts sah, kramte ich einen Zettel aus meiner Tasche und schrieb darauf “Ich mochte Dich in A. Reiser!” Ich lehnte mich an dem mürrisch dreinblickenden jungen Mann zu meiner rechten vorbei, klopfte an die Scheibe und hielt den Zettel daran. Der Mensch vom Theater stutzte, trat näher, las den Zettel und grinste dann breit. Ich grinste zurück, die U-Bahn fuhr ab und ich ließ das Stück Papier in meine Manteltasche gleiten. Das ist die Art von Zwischenmenschlichkeiten, für die ich gerne Bahn fahre.
Wir könnten verschiedener nicht sein und deshalb hängen wir uns an den Lippen, wann immer wir uns aus unseren doch sehr unterschiedlichen Welten erzählen. In umständliche Gespräche verheddert, müssen wir uns dann mit einem nahezu ritualisierten “Na gut” wieder auf den Boden der Tatsachen – aktuell Satie – zurückbringen. Sein “Na gut” hat etwas weniger endgültiges als meines, aber ein verschmitzes Lächeln und eine hochgezogene Augenbraue später wenden wir uns dann doch einigermaßen ernsthaft den Tasten des Klaviers zu.
Die Toilette meines Klavierlehrers ist definitv erwähnenswert. Die Wände dieser winzigen Kammer, deren Dielen beim Betreten beschwichtigend knarren, sind gepflastert mit handschriftlichen Notizen und Zeichnungen. Sie beinhalten Gedanken, einige Theorien und Zitate mal mehr oder weniger bekannter Dichter und Denker. Auf einem stilisierten Selbstportrait steht “Ich denke, also…” und darunter eine Aufzählung eigenwilliger Ergänzungen. Sitzt man dann auf der Schüssel, blickt man frontal auf einen mahnmalartig an die Wand gepinnten Steuerbescheid, schummrig beleuchtet von der mit einem Leinentuch abgehängten Deckenlampe. Bislang hab ich meinen Aufenthalt auf der Toilette nicht über die Dauer zweier Höflichkeitspipis herausgebracht, um mir den Rest etwas genauer anzusehen, aber kommt Zeit…
Heute verfielen wir ob eines schlechten Wortwitzes über die Poincaré-Vermutung in albernes Kichern, als uns das schrille Klingeln der Türglocke unterbrach. Mein Klavierlehrer sprang auf und öffnete die Tür. Als er wieder hereinkam, folgte ihm sein nächster Schüler: Ein ernst dreinblickender, blasser Junge von vielleicht zwölf Jahren.
Mit einem Mal war jegliche Ausgelassenheit verflogen.
Gestern sah ich einen meiner ehemaligen Klassenlehrer wieder. Er ging die Straße entlang, alt, ergraut, mit wenig Elan. Wäre ich nicht wohlwollend, sagte ich, er schlich. Er blickte zu mir herüber, aber in seinen Augen lag keine Erkenntnis, wie auch. Ich ähnele wohl kaum mehr dem Mädchen von damals. Und dann waren da im Laufe seines Lehrerlebens auch hunderte Mädchen wie ich.
Ich war 11. Und ich war in meinen Klassenlehrer verliebt. Ich sagte es niemanden, denn das wäre auf wenig Verständnis gestoßen. Herr D. war zwar eine Schönheit im Sinne von Jane Eyres Mr. Rochester aber auch streng, laut und despotisch. Er hatte ein kleines Porzellanglöckchen auf dem Lehrerpult stehen, mit dessen Hilfe er seine “allerletzte Warnung” bimmelnd kundtat. Danach setzte es einen Rausschmiss oder schlimmer: einen Eintrag – begleitet von atemlosen Wutausbrüchen. Im Werken-Unterricht machte er uns in der allerersten Stunde klar, daß wenn uns bei der Herstellung unserer Karteikästen eins der sehr dünnen Sägeblättchen kaputtgehen sollte, wir es nicht wagen dürften mit einer anderen Erklärung für dieses Malheuler zu ihm zu kommen, als dieser: “Herr D., ich habe mein Sägeblättchen zerbrochen”. Und hatte man seine Hausaufgaben vergessen, hatte man nach der letzten Stunde ein eher weniger angenehmes rendez-vous mit ihm: Gehirnwäsche und Tadel inklusive. Er war im Grunde ein Arsch. Und ich total verknallt.
Wenn ich so zurückdenke, waren die Höhepunkte der zwei gemeinsamen Schuljahre einmal Fasching, als ich Herrn D. schminken durfte und dann noch ein Ausflug, bei dem ich im Bus neben ihm saß. Mit dem Ende der sechsten Klasse hatte sich neben dem Klassenverband auch meine Schwärmerei in Luft aufgelöst.
Ein paar Jahre später fragte mich meine damals wie dann gute Freundin in einer in-der-Dämmerung-auf-dem-Sportplatz-auf-dem- Boden-liegen-und-sich-das-Herz-ausschütten-Situation: “Du warst doch damals total in Herrn D. verknallt, das ist doch voll der Psycho?!” Ich war etwas peinlich berührt, lachte dann nur und sagte “Ja, ich weiß, voll der Psycho”.
Wie ich ihn so die Straße entlanggehen sah, kam mir in den Sinn, daß er heute wohl keine Kleinmädchenherzen mehr höher schlagen lässt.
D., der einen Stock unter mir wohnt, bekommt häufig Post – von Amazon, diversen Weinhändlern, Reiseunternehmen, Feinkostläden usw. Ich weiß das, weil ich seine Päckchen in den meisten Fällen vor ihm in Händen halte. D. ist nämlich nie zuhause.
Heute war ich der riesigen (sauschweren) Weinkiste, die seit zwei Wochen in meinem Flur rumsteht, überdrüssig, weshalb ich einen Zettel schrieb, welchen ich D. an die Tür hängte:
Hallo D.,
seit zwei Wochen versuchen wir – bislang mit Erfolg – den Verlockungen der Weinkiste, die für Dich bei uns abgegeben wurde, zu widerstehen. Ich weiß allerdings nicht, wie lange das noch möglich sein wird…
Bitte hole die Kiste demnächst mal ab – sonst können wir leider für nichts mehr garantieren.
Prost!
Zuckerbäckerin
Als ich eben nach Hause kam, hatte ich eine Flasche Champagner vor der Tür stehen und dazu folgende Botschaft:
Zuckerbäckerin,
es tut mir schrecklich leid, daß ich euch so lange mit dieser Versuchung alleine gelassen habe…
Habe versucht bei euch zu klingeln, aber ihr wart leider nicht da. Wenn die Kiste nicht zu schwer ist, dann stellt sie doch vor meine Tür.
Hoffe der Champagner ist noch kalt…
Danke für alles!
Liebe Grüße,
D.
Meine “Mitbewohner” sind wirklich in Ordnung. Die von oben links haben uns schon selbstgemachtes Himbeersorbet runtergebracht, die gegenüber überließen uns im Sommer ihren Wohnungsschlüssel, damit wir während ihres Urlaubs auf ihrer Dachterasse Sonnenbaden können, M. von gegenüber hat mich ein paar mal zum Joggen an den See mitgenommen und Mamselle von unten rechts stand bereits mit Schoki vor der Tür. Von den Zuwendungen mal ganz abgesehen, sind meine Nachbarn auch sonst richtig gut drauf – wenn das nur überall so wäre!
Ich gehe gerne und oft ins Theater, vornehmlich ins Staatstheater. Unter der Woche meist, ab und an auch am Wochenende. Sowohl als auch ist dort nie wahnsinnig viel los, wenn man nicht gerade an Premieretagen kommt. Die Stuttgarter sind nicht sehr euphorisch wenn’s ums Theater geht, zumindest sieht es danach aus, wenn nur die Hälfte der Plätze und davon wenige in den vorderen Reihen belegt sind. Gestern allerdings, gestern war alles anders. Denn gestern gab’s Harald Schmidt im Schauspielhaus. Schon von weitem sah ich dichtes Gedränge durch die Glasscheiben des Theaters und im Foyer wurden unter Angabe fadenscheiniger Gründe Karten an Suchende vertickt. Volles Haus. Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen. stand auf dem Plan.
“Wir befinden uns im Jahre 1977 n. Chr. Die ganze Bundesrepublik ist von RAF-Schlagzeilen besetzt… Die ganze Republik? Nein! Eine von unbeugsamen Theatermachern bevölkerte Spielstätte hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Und das Leben ist herrlich leicht für dieses Ensemble, das als Band in den befestigten Lagern des Staatstheaters Stuttgart einen ELVIS-Liederabend spielt. Harald Schmidt war dabei – als Fan. Jetzt erinnert Schmidt gemeinsam mit unserem Ensemble an sein Stuttgart im Jahre 1977, wo man sich gut und gern auch ohne Debatten unterhielt.” Quelle: Staatstheater Stuttgart.
Ein kurzweiliger Abend, nicht zuletzt da die Aufführung auch tatsächlich nur knapp über eine Stunde ging. Schmidt gewohnt zynisch, das Publikum selbst bei mäßigen Witzen gnädig und der Jubel bei regionalen Anekdoten groß. Besonders amüsiert hat mich die schwyzerdütsche Einlage eines Ensemblemitglieds und eine Hitler-Baader-Szene, die keiner näheren Erläuterung bedarf. Schmidt schloß mit den Worten: “Die RAF hat zwar viel Böses getan, aber sie hat nicht versucht den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde zu bringen.” Na dann!
Schmidt & Ensemble gibt’s noch drei mal zu sehen. Am 08., 14. und 21. Dezember um jeweils 20:00 Uhr. Die Karten kosten zwischen 8 und 21 Euro (Schüler und Studenten bekommen an der Abendkasse meist noch super Plätze für 7 Euro)
Heute war ich zum Mittagessen in der Stadt verabredet. Auf dem Nachhauseweg machte ich einen kleinen Schlenker über die Schulstraße, um dem T-Mobile-Shop einen Besuch abzustatten. Im Laden herrschte gähnende Leere. Da half es auch nichts, daß die Empfangsmademoiselle Äpfel (raffiniert, gell?) verschenkte. Im “iPhone-Eck” konnte man sich dann auch zwei (nicht einmal voll funktionsfähigen) Testgeräte ansehen.
Verkäufer (leider mit etwas Mundgeruch): “Kann ich Ihnen helfen?”
Ich: “Ich sehe mir das iPhone an. Aber da funktioniert ja die Hälfte gar nicht…”
Verkäufer: “Na ja, das sind eben Testgeräte, da hat man das Internet z.B. abgeschaltet.”
Ich: “Testgeräte, die man nicht testen kann?”
Verkäufer: “Na, schon, nicht alles halt. Wissen Sie, sonst würde hier doch jeder rumsurfen, stundenlang, das geht nicht.”
Ich: “Verstehe.”
Ich wollte keinen Streit, aber ich fragte mich in diesem Moment natürlich schon, wer von den nicht vorhandenen Interessenten “stundenlang” im Internet rumsurfen würde…
Verkäufer: “Kennen Sie schon unsere neuen Tarife?”
Ich: “Ja, danke. Aber sagen Sie mal, viel ist hier ja auch nicht los, hm?”
Pause.
Verkäufer: “Ähm… ehrlich gesagt, ich hatte mir auch mehr erwartet. Aber in Köln zum Beispiel gingen in der Zeit von 00:01 bis 01:00 300 Geräte über den Tisch! Da gab’s richtige Schlangen… so ähnlich wie in den USA!”
Ich: “Na ja, in Stuttgart ist man eben etwas reserviert.”
Verkäufer (seufzend): “Schwaben halt.”
Und damit war eigentlich alles gesagt.
Als erstes sah ich ihren Mund. Ihr sehr kleiner, sehr roter Mund formulierte etwas, das ich nicht hören konnte. Sie stand ziemlich nahe vor mir, ein bisschen zu nah. Ich schaltete den iPod aus und schaute sie an. Sie lächelte, blinzelte mit den Augen, aber verlegen war sie nicht. Oder doch? Vielleicht beides, verlegen und dennoch selbstbewußt. Sie fragte: Wie komme ich denn jetzt zum Hauptbahnhof? und als ich nicht sofort reagierte: Ich bin erst am Samstag hergezogen. Das sollte sie noch öfter sagen, dieses ich-bin-erst-am-Samstag-hergezogen. Ich holte hörbar Luft und schenkte ihr erst mal ein Lächeln. Zeit schinden. Mit der U6, 2 Zonen, sagte ich dann langsam.
Sie wiederholte den erst-herzgezogen-Satz. Ein, zwei Sekunden sah sie mich fragend an. Ihre Mundwinkel zuckten, als wolle sie noch etwas sagen, aber sie tat es nicht. Also machte ich eine Geste zum Fahrkartenautomat. Die Anzeigetafel zeigte U6 – 2 Minuten. Sie rührte sich nicht. Ich wurde etwas unruhig. Die Bahn kommt in zwei Minuten, es wäre also besser… ich brach den Satz ab, ging rüber zum Fahrkartenautomat und tippte 0-0-2. Sie kam dazu, murmelte etwas von “sehr verwirrend” und bedankte sich. Bitte, sagte ich und ließ Jay Kay weitersingen. 1 Minute.
Ich spähte nach meiner Sopranistin, von der ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte, daß sie eine war. Sie schien Schwierigkeiten zu haben, denn sie ging eine Spur zu hektisch am Aushangfahrplan auf und ab. Ich machte den iPod wieder aus. Sorry, Jay. Alles klar?, rief ich ihr zu. Ja, ja doch, sagte sie, doch ihr Mund schien das anders zu sehen. Unzufrieden schob sich ihre Unterlippe ein kleinwenig nach vorne. Ich sah mir ihre Augen an, braun-grün. Ihre Haare, mittellang, haselnußfarben, fahrig zu einem Zopf gebunden.
Die Bahn kam, ich stieg ein und setzte mich. Es schien unendlich viele freie Plätze in der U-Bahn zu geben. Wenn sie sich zu mir setzen wollte, hatte sie gute Karten.
Sie wollte.
Aber ihr kleiner roter Mund sagte nichts. Etwas betrübt sah ich zum Fenster hinaus. Dann holte sie ein Gesangbuch aus ihrer Tasche. Mozart. Ich sah sie an, sie mich, sie lächelte. Sie sagte: “Ich studiere an der Opernschule und bin erst am Samstag von Mannheim hierher gezogen. Das ist alles noch etwas verwirrend.” Ich nickte, möglichst verständnisvoll, und wir kamen ins Gespräch. Sie war redselig. Sie sei Sopranistin, sie sei vorher jeden Tag eine Stunde pro Strecke unterwegs gewesen, Mannheim – Stuttgart, das sei zuviel, deshalb sei sie hergezogen, man verdiene nicht so viel, als Opernsänger, aber sie liebe diesen Beruf, sie habe einen Freund in den USA, er käme bald für acht Monate hierher, sie sehe der Zukunft gelassen entgegen. Irgendwann fragte sie, was ich denn so mache, beruflich und sonst so, ich wisse schon. Schick, entgegnete sie, als ich ihr in zwei knappen Sätzen sagte, was ich tat. Schick? Sagte man das so in Mannheim?
Wir hielten am Hauptbahnhof und meine Sopranistin stand auf. Alles Gute, sagte ich etwas wehmütig und sie sagte etwas, das ich nicht verstand. Sie lächelte. Und dann war sie weg.
Wenn ich nachmittags versonnen auf meinem Balkon sitze, an einem Glas Rivella nippe und Zeitschriften mit den keuschen Titeln „Schöner Wohnen“ und „Living at home“ durchblättere, kreuzt so mancher Kunde auf um nach kurzen Verhandlungen mit einer meiner 3 Lieblingsnutten (die überall zusammen auftauchen) im Nachbarhaus zu verschwinden. Gestern um ziemlich genau viertel vor sechs kam ein für diese Gegend erstaunlich gut aussehender Typ um die Ecke, blonde halblange Haare, blau-kariertes Hemd, so Anfang vierzig und ging in Verhandlungen mit der langen Dunkelhaarigen. Wie ich über den Rand meiner Sonnenbrille hinweg erkennen konnte, wurden sie sich schnell einig und so verschwanden sie zwei Minuten später im Hauseingang. „Fick oder Blow Job?“ rief ich meiner Freundin zu, die sich in der Küche gerade einen Kaffee kochte. „Wie lange wurde verhandelt?“ – „Kurz“ – „Dann Blow Job“ – „Mhhm“ – ich nickte mir selbst zu und widmete mich wieder meinem Artikel „Große Ideen für kleine Räume“. Um fünf vor sechs kam Blondie wieder aus dem Haus und machte sich zügigen Schrittes vom Acker. Einige Minuten später kam auch die lange Dunkelhaarige wieder raus – ihre Freundinnen, das dralle Rastagirl und die etwas unscheinbare Blonde, gesellten sich sofort zu ihr. Viertel vor bis fünf vor. 10 Minuten ab Verhandlung. 10 Minuten zum rein-, rauf- und rangehen. Verdammt schnell – man muß das fast bewundern.
… ist es ziemlich seltsam, wenn man auf der Toilette einer Kollegin begegnet, die den maximal 20-sekündigen Waschbecken-Smalltalk mit einem “Wenn man Spargel isst, riecht der Urin immer so seltsam!” beginnt. Auf meinen verständnislosen Blick hin fügte sie noch hinzu “Müssen Sie echt mal testen! Sie wären wirklich eine ganz große Ausnahme, wenn es bei Ihnen nicht so wäre.”
Wo lebe arbeite ich hier eigentlich?