Archive for Befindlichkeiten
September 18, 2009 at 16:56 · Filed under Befindlichkeiten
Ich bin vier Jahre alt. Es ist die Hochzeit meiner Tante. Auf einer der hinteren Bänke in der kleinen Kirche im Wallis türmen sich die Jacken und Mäntel der Gäste. Darauf liege ich. Draußen scheint die Sonne, doch im inneren der Kirche ist es kühl und dunkel. Während sich meine Tante und mein Onkel das Ja-Wort geben, schlafe ich tief und fest.
Ich bin sieben Jahre alt. Wir fahren in unserem alten BMW an den hohen schneebedeckten Bergen im Wallis vorbei. Es ist dunkel, niemand spricht. Meine Mutter fährt mit gleichmäßiger Geschwindigkeit die Straße entlang. Auf dem Beifahrersitz meine Schwester, sie starrt aus dem Fenster. Ich habe mich wie ein Embryo zusammengerollt und liege, die Hände ans Herz gepresst, auf der Rückbank. Das Vibrieren des Autos rauscht in meinem Kopf. Ab und zu blinzle ich in die Dämmerung.
Ich bin zehn Jahre alt. Ich sitze im Cabrio neben meiner Mutter. Sie legt eine Kassette ein. Spult vor, zurück. Jacques Brel, Angelo Branduardi. Ihre Lieblingslieder, dann meine. Ich krähe die Zeilen zu Zombie Dupont, wippe mit den Füßen. Die Sonne strahlt mit mir um die Wette.
August 22, 2009 at 10:18 · Filed under Befindlichkeiten
Der Kiosk bei mir um die Ecke verkauft zwar noch immer keine Nahrungsmittel, dafür neuerdings Beinrasur-Artikel. Sollte ich also Sonntags mal wieder nichts zu essen im Haus haben, sterbe ich wenigstens einen glattbeinigen Hungertod.
Juli 18, 2009 at 09:36 · Filed under Befindlichkeiten
Ich bin ja so eine lässige, wenn es um Zahnarztbesuche geht. Habe ich mir bisher zumindest immer eingebildet. Wenn andere mir mit weit aufgerissenen Augen von ihrem letzten Zahnarzterlebnis berichteten, lächelte ich stets nur milde und entgegnete ein “Ach, so schlimm ist das doch alles nicht”. Ja, gut reden hatte ich. Ich war einer der schlechten Kunden beim Zahnarzt. Jahreinjahraus kam ich an, grüßte, zeigte Zähne, ließ hier und da den Krankenkassenzahnsteinmist machen und war dann auch schon wieder draußen. Das schlimmste was mir bisher beim Zahnarzt widerfuhr war eine Weisheitszahnentfernung die mit anschließender 3-wöchiger Kiefersperre einherging. Lässt sich ja aber alles handeln, n’est-ce pas? ”Topgesunde Zähne” und ein strahlendes Lächeln des Dentisten waren das mindeste, was ich hören und sehen wollte aber Hochmut kommt ja bekanntlich stets vor dem Fall. Als ich mir vor kurzem den Kiefer ausrenkte, ging ich mit der Erwartung zum Arzt, er würde mir eine Spritze oder ein sonstiges probates Mittel geben und alles würde gut. Aber es kam anders. Er entdeckte etwas. Und zwar nicht den ausgerenkten Kiefer (wobei er diesen glücklicherweise ebenfalls als behandlungswürdig einstufte), nein, er entdeckte etwas an einem meiner “topgesunden” Zähne. Rechts oben, mitte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich von dem freundlichen Heute-komme-ich früh-in-den-Feierabend-Lächeln in ein besorgtes. Er klopfte, er schabte, er machte einen Vitalitätstest nach dem anderen, bis mir die minus zwanzig Grad Kalte Flüssigkeit im wahrsten Sinne des Wortes zum Hals raushing. Er stöhnte, verzog dann das Gesicht und sagte mit starkem Akzent: Sie haben wuuuunder-, wuuunderschöne Zähne. Es täte mir so leid, bohren zu müssen. Aber sie reagieren nicht gut, es klingt nicht gut und sie haben Schmerzen. Sie haben doch Schmerzen? Er schaute mich an. Ich mußte nicken, versuchte aber zu relativieren. Mit weit geöffneten Mund nicht ganz einfach. Also hob ich die Hand und deutete an: petit peu. Dazu gurgelte ich ein unverständliches: nurr bissschhn. Theatralisch rückte er von mir ab, als seien Hopfen und Malz verloren. Da saßen wir nun. Ich im grellen Verhörlicht der Lampe und er auf seinem wirbelsäulenfreundlichen Drehhocker. Wir starrten uns an. Öffnen sie noch mal den Mund, sagte er. Er wühlte abermals darin herum, bis ich mir einbildete, alles schmerze und murmelte dann etwas von einer Wurzelfüllung. Er ließ ab. Mittlerweile stand mir die Panik wohl ins Gesicht geschrieben. Eine Füllung?! In meinen Zähnen?! Ich verfluchte innerlich meinen Vater, der mir als Kind immer eingeredet hatte, ich hätte seine Zähne und der, über 60jährig nicht einen Makel an diesen zu verzeichnen hatte. Der Tag war gelaufen. Ich kam mir klein und schäbig vor, wie ich mich vor einer Wurzelfüllung fürchtete und mein Zahnarzt merkte dies. Er bat mich gleich am nächsten Tag wiederzukommen. Mit osteuropäischer Herzlichkeit ergriff er meine Hand, legte seine andere darüber und drückte sie fest, wie ich es tun würde, bekundete ich Beileid. Ich lächelte scheu, wünschte einen schönen Tag und ging zur Tür. Mit schlechten Zähnen im Gepäck und einer leisen Angst vor dem was da kommen sollte. “Ach, so schlimm ist das doch alles nicht” hörte ich mich murmeln ich als ich das Gebäude verließ.
Januar 15, 2009 at 15:00 · Filed under Befindlichkeiten
Ich beobachte gerne und oft Menschen. Und ich tue es unauffällig. Ich habe auch kein Problem damit, beobachtet zu werden – solange es nur dieses leise irgendwas-fällt-mir-an-dieser-Person-auf-und-ich-will-sie-eine-Weile-lang-ansehen-Beobachten ist. Anders sieht es aus, wenn man auf eine verhuschte Weise angestarrt wird. Ich fuhr mit der Bahn, setzte mich neben zwei Jungs, vielleicht 14, und lauschte nicht etwa ihrem Gespräch, sondern Tegan & Sara. Der lockige Blondschopf neben mir drehte sich zu mir um und sah mich an. Ungefähr zwei Sekunden zu lange, also schaute ich zurück. Er schaute weg. Okay, dann eben nicht. Nach kurzer Zeit schaute er wieder. Und wieder und wieder und wieder. Für 2 Stationen einfach zu oft. Ich war leicht genervt. Ich stieg aus und wie ich im Augenwinkel sah, wie er seinen Kopf nach mir drehte, blieb ich stehen und schaute ihn an. Er schaute zurück. Sein Gesichtsausdruck bekam etwas verlegenes. In Gedanken ging ich alle mir bekannten 14-jährigen Jungs durch. Die Liste war verdammt kurz. Kein Sohn irgendeiner Freundin, kein nur jünger aussehender Azubi, kein Nachbarskind, nix. Ich kannte ihn nicht. Ich zog eine Augenbraue hoch, drehte mich um und ging weiter. Als die Bahn losfuhr, konnte ich mir nicht verkneifen, mich noch mal umzudrehen. Sein Blick war weiter auf mich gerichtet. Er hob seine Hand zu einem Gruß – und dann war er weg.
Manchmal ist U-Bahn fahren unheimlich.
Dezember 16, 2008 at 16:41 · Filed under Befindlichkeiten
Spätestens wenn die ersten Weihnachtskarten eintrudeln, deren salbungsvollen Worte eine Warmherzigkeit versprechen, die gegen jeden Nachtfrost anstinkt, packt sie mich, die heimelige Melancholie des Winters.
Warten auf das nächste Jahr. Ich blättere in Lieblingsbüchern, lese nur die schönsten Passagen, stapfe im Müßiggang mit meinen albernen, roten Gummistiefeln durch den Schneematsch einer Stadt, die es nie zu einer weissen Weihnacht bringen wird. Die eine Hand umklammert fest die Leine eines Lebewesens, dessen Welt sich unaufgeregte vierzig Centimeter über dem Boden abspielt, die andere sucht unter der Kleidung Schutz vor der Kälte.
Sehr schlimm: eingeladen sein, wenn zu Hause die Räume stiller, der Café besser und keine Unterhaltung nötig ist. – G. Benn
Nostalgische Rückblicke, verträumte Festtagsreden und familiäre Liebesbekundungen. Ein Fernsehsender nach dem anderen strahlt den “ultimativen Jahresrückblick” aus. Politisch, literarisch, theologisch, tierisch. Der Fall eines Popsternchens, ein schwangerer Mann und all die anderen Sommerlochthemen werden breitgetreten, genau wie das Wichtige, das Böse und das ganz grosse Schlimme. Fernsehen, überhaupt, ein Sentimentalitätsvehikel.
Ein Jahresrückblick also. Mein Gedächtnis ist ohne Not gesagt lückenhaft. Reelle zeitliche Abfolgen haben gegen gefühlte Zeitspannen kaum eine Chance. Gefühl schlägt Verstand. Auch deshalb führe ich jahreinjahraus einen Kalender. Der Kalender ist mein Leben. Vampirromantisch und überaus pathetisch gesagt: Verlöre ich ihn – mein Leben zerfiele zu Staub.
Ein solcher Daseinszeuge will möglichst unprätentiös aufbewahrt werden - also liegen meine Kalender In einer Plastikbox von IK*A. Die ist so steril und charakterlos, wie ein Aufbewahrungshälter für so etwas charakterstarkes wie ein Leben eben sein sollte. Seit ich vergangene Weihnacht ein nettes Gadget geschenkt bekam, hat die Papierliebhaberei ein Ende – und ich zum ersten Mal eine Sicherungskopie meines Lebens. Ein beruhigendes Gefühl, sich nicht auf die Dichtigkeit einer ramschigen in Gottweißwo produzierten Schwedenbox verlassen zu müssen.
Dieses Jahr war ein Jahr des Reisens. Normalerweise eher eine Daheimgebliebene, war ich die letzten zwölf Monate ziemlich viel unterwegs – quer durch Deutschland, die Schweiz und im Juni dann, langgehegt, durch Japan. Ich hatte ein gutes Jahr mit meinen Freunden und Bekannten. Ein Jahr voll schönen Wetters, durchzechter Nächte, besonderer Gaumenfreuden und guter Gespräche. Aber natürlich auch ein Jahr der weniger schönen Dinge. Krankheit und Tod schleichen um ein jeden von uns herum, wie ein hungriger Löwe um seine Beute. Das einzige was man damit machen kann, ist das beste daraus und vor allem weiterzumachen.
Manche Jahre ziehen an einem vorbei, ohne daß man sie in nennenswerter Erinnerung behält. 2008 wird für mich wohl so ein Jahr werden. In diesem Sinne: Schafft es gut rüber ins Nächste: 2009.
Oktober 14, 2008 at 01:08 · Filed under Befindlichkeiten
Hin und wieder finde ich Dinge auf meiner Festplatte. Ähnlich wie mit meiner IKEA-Plastikbox, in der sämtliche Unterlagen erstmal unsortiert landen, bis ich mich nach einem halben Jahr erbarme und sie in die jeweiligen Ordner einhefte, befindet sich auf meiner Festplatte ein Ordner “Stuff”, in dem alles landet, was ich vorerst nicht sortieren oder zuordnen möchte. Vorerst bedeutet manchmal einen Monat. Oder ein Jahr. Oder zwei.
Auf jeden Fall habe ich gestern eine Datei mit meinem ersten Beitrag, den ich im Stuttgart Blog geschrieben habe, gefunden:
Böse Zungen würden mich als Landpommeranze im Städtle bezeichnen. Ich sage lieber Dorfkind, das nun im nächstgrößeren Dorf wohnt. Unschuldig wie ich bin, habe ich mir den allerfeinsten Stadtteil ausgesucht: Mitte – Bohnenviertel.
Am Anfang waren die Nächte hart. Zwar hielten die Schallschutzfenster was sie versprachen, aber daß die Fenster ihre wundersame lärm hemmende Wirkung im geöffneten Zustand (Sauerstoff des Nächtens soll ja gut sein – wobei zu bezweifeln ist, dass das was da reinkommt auch solchen enthält) nicht entfalten können, kam mir natürlich erst nachdem ich eingezogen war. Nun wohne ich an keiner stark befahrenen Straße und trotz Nutten rechts und links hält sich das nächtliche Gegröle besoffener Freier in Grenzen, aber wenn man vom “quasi-Land” kommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren man sei lautstärketechnisch in Disney World gelandet.
Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt, genauso wie an die Prostituierten, malträtierte Pflänzchen im Blumenbeet vorm Haus (der Eigentümer pflanzt sie mit einer stoischen Gelassenheit immer wieder nach), das nächtliche Flutlicht der Feuerwehr, Dealer und Typen die einen fragen was es kostet auch wenn man ziemlich öd bekleidet ist. Und ich wundere mich natürlich auch über nichts und niemanden mehr. Als ich zum Beispiel neulich nachts tadelnd von einer Prostituierten darauf hingewiesen wurde, ich hätte mein Auto auf dem Gehweg abgestellt und würde aufgrund dessen abgeschleppt werden, bäffte ich nur ein „Mich schleppt wenigstens noch jemand ab“ zurück und verschwand ziemlich schnell im Haus, bis in die frühen Morgenstunden bangend, mein Auto könne am nächsten Morgen von rachsüchtigen Nutten demoliert worden sein.
Aber natürlich liebe ich s’Städtle trotzdem! Während ausgehen für mich früher ein echtes Highlight war, bin ich jetzt andauernd in Sachen persönlichem Amusement unterwegs. Ich komme um Cafés, Bars, Theaterhäuser, Kinos, Museen und den Schlosspark einfach nicht herum. Ich treffe Freunde und Bekannte zufällig, geplant oder kurzfristig vereinbart und das Montagdienstagmittwochdonnerstagfreitagsamstagsonntag. Daß ich dabei doppelt so viel Geld ausgebe wie vorher ist nebensächlich.
Ach ja, in diesem großen schwäbischen Dorf trifft man alles und jeden (eine Taube die einem ungefragt aufs Autodach kackt, den ungeliebten Exfreund) und nichts und niemanden (den rechten Parkplatz zur rechten Zeit, den gutaussehenden Nachbarn von oben drüber) Und man begegnet netten Menschen. Jeden morgen um ziemlich genau 7:13 Uhr durchquere ich die Karlspassage im Breuninger, wo ich auf den immergleichen Wachmann stoße, der mir freundlich zunickt. Einige hundert Meter weiter dann grüßt mich freundlich die Blumenhändlerin. Die musste ich mir leider erst erziehen. Als ich die erste paar Mal an ihr vorüberging und zaghaft lächelte, hat sich mich noch ignoriert, später misstrauisch beäugt. Nach einer Weile bin ich vom Lächeln zum Grüßen übergegangen und habe das so konsequent durchgezogen, daß sie irgendwann nicht mehr anders konnte. Seitdem strahlt sie mich morgens an, wenn ich die Straße hochkomme. Nächste Woche fahre ich in den Urlaub – sie wird mich vermissen.
Der Urlaub ist übrigens auch der Grund weshalb ich das hier schreibe. Bin schon länger stille Leserin des Stuttgart Blogs und wollte für den Fall dass ich meinen Urlaubstrip im indischen Ozean nicht überlebe, einfach mal loswerden, wie sehr ich diese Stadt mag. Und Konvertiten sind ja bekanntlich die schlimmsten. Amen.
Juli 17, 2008 at 15:32 · Filed under Befindlichkeiten
Tokyo ist New York ist Paris ist London oder Eine Stadt ist eine Stadt ist eine Stadt. Die Menschen sind urban gelassen oder auch einfach nur durchgeknallt. Als wir in Akihabara (Tokyos Electric City) ankommen, hat unweit gerade jemand sieben Menschen getötet.
Im Flugzeug sitzen über fünfzig Prozent Japaner – und es werden mehr. Überall Schulmädchen. Reihenweise betreten wippende Pferdeschwänze die Kabine. Ich schließe die Augen und lausche ihrem Singsang.
All you can eat (but don’t want to) Es hilft nichts, Starbucks und McDonalds zu verachten, wenn all das andere Essen noch untragbarer ist. Ich bin mir sehr sicher: Japan mag keine Vegetarier.
Urlaubskarten schreiben kann einen belastenden Charakter entwickeln. Das Postkartenformat schüchtert mich in Drückerkolonnenmanier ein. Bloß nicht zuviel schreiben. Und nicht über den Rand. Journalisten tun mir Leid. Die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl Zeichen muß depressionsfördernd sein.
Landsmann getroffen. Romandie. Sehnsucht nach Rösti. Stattdessen Supermarkt-Tiramisu zu Abend und Algen zum Frühstück.
Es ist schwierig in Japan ein Geschäft zu betreten, ohne gleich von fünf Angestellten in einer Sprache, die man nicht versteht, zur Begrüßung angeschrieen zu werden.
Japanischer Regen ist Melancholie. Er umarmt einen bleiern, durchtränkt Kopf und Verstand. Dakota Suite. Man kann es hören.
Ich finde mich in einer Karaoke-Bar wieder. Um keinen Alkohol trinken zu müssen, stelle ich mich dumm. We’re just bloody tourists.
Japanische Züge sind voll Ehr’. Sauber, leise, schnell, diskret.
Manchmal muß man sich Situationen einfach ergeben, zum Beispiel der, daß beide Flüge Verspätung haben oder ich nicht mehr sagen könnte, welcher Teil meines Körpers nicht schmerzt.
24-Stunden-trip. In dem Moment, in dem ich sitze, bin ich mir sicher wie noch nie in meinem Leben, hier nie wieder aufstehen zu wollen. Meine kurz zuvor gefassten Pipipläne sind verworfen. Die Blase kann warten.
Randnotiz: Japanische Aufzüge fackeln nicht lange.
Wie ich da im Flugzeug sitze, fiebrig und übernächtigt, legt sich M.s kleine Hand auf meine. Zärtlich tätschelt sie sie und deckt mich mit ihrer Jacke zu. M. ist so sehr Mutterliebe, wie sie nur in russischen Großfamilien geboren werden kann.
Hier entlang, bitte.
Juli 14, 2008 at 18:22 · Filed under Befindlichkeiten
Nun gut, ich gebe zu, daß der Titel die tatsächlichen Geschehnisse dramatisiert aber mal der Reihe nach…
Ich saß gerade im Restaurant bei Pfannengemüse und Traubensaftschorle, als es zu hageln begann. Der Wind trieb ein paar Hagelkörner zum Fenster herein, wo sie auf meiner Tasche schmolzen und in einem dünnen Rinnsal auf den Boden tropften. Mein Gegenüber blickte ein wenig besorgt nach oben, obwohl es dort nur die Decke zu sehen gab, murmelte etwas von “Unwetter” und widmete sich wieder seinem überdimensionierten Steak. Der Wind zog an, ich fröstelte und schloss das Fenster. Als wir beim Dessert angelangt waren, ging draußen gerade die Welt unter.
Ein wenig später schlenderte ich Richtung Schloßplatz, das Wetter hatte sich deutlich gebessert, als ich das Alte Schloß passierte. Auf Höhe der Mediasäule hörte ich ein seltsames Knirschen – CHRRRR. Ich blickte nach oben und sah, erst schemenhaft, dann ziemlich deutlich, ein Stück des Schloßgemäuers auf mich zufallen. Mit weit geöffnetem Mund und unkoordiniert umherbaumelnden Armen (der Mensch stammt eben doch vom Affen ab) ging ich einen Schritt beiseite und starrte auf das Stück Stadtgeschichte, das neben mir mit einem lauten Klatschen zu Boden ging. ”Wow” dachte ich und bückte mich nach dem Brocken. Den Blick zum Himmel dann, sah ich, daß dem alten Schloß nun ein kleines Stück des Mauerwerks fehlte. Ich hielt das Beinahe-Schädeltrauma fest in meinen Händen. Dann wickelte ich es in eine Papiertüte und nahm es mit nach Hause. Seitdem liegt es friedlich auf meiner Anrichte und staubt ein. Wie es sich für hundertjahraltes Gemäuer gehört.
Mai 29, 2008 at 06:11 · Filed under Befindlichkeiten
So oder ähnlich zumindest. Im Sommer bin ich permanent unterwegs. Ich habe eine gute Zeit, aber keine davon zu berichten. Habe mich zum Zwitschern bekehren lassen und bekomme deshalb zweiwöchentlich wider besseren Wissens (Twitter ist nunmal keine Hölderlinverssammlung) eine Banalitätenkrise.
Fliege nun zwei Wochen nach Japan. Eindrücke sammeln, runterkommen. Auf daß sich ein alles-prima-hier-in-Stuttgart-Gefühl einstellt. Und ansonsten gilt: Im Westen nichts Neues.
März 24, 2008 at 13:09 · Filed under Befindlichkeiten
Ich mag es, im Schnee der Spur des Vordermanns zu folgen, Schritt für Schritt, mit grösstmöglicher Präzision in die Fussstapfen eines anderen Menschen zu treten, den Blick auf den Boden gerichtet, mit einer angenehmen Schwere im Kopf, die keine anderen Gedanken zulässt. Zwischendurch innehalten, den Kopf heben, blinzeln müssen und sich im Nebelmeer verlieren, dass sich am Fuss des Sees bildet.
Ich hatte 16 Grad und Sonnenschein erwartet, Fahrten durch die Weinberge, ein wundervolles Konzert, gutes Essen bis zum umfallen, schöne Abende bei Freunden und Ideen für das neue Buch.
Ich habe bekommen -2 Grad und Sonnenschein, eisglatte Strassen, ein wundervolles Konzert, gutes Essen bis zum umfallen, schöne Abende bei Freunden, einen irreversiblen Festplattenschaden und ein gebrochenes Herz.
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