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Zum Jahresende

Spätestens wenn die ersten Weihnachtskarten eintrudeln, deren salbungsvollen Worte eine Warmherzigkeit versprechen, die gegen jeden Nachtfrost anstinkt, packt sie mich, die heimelige Melancholie des Winters.

Warten auf das nächste Jahr. Ich blättere in Lieblingsbüchern, lese nur die schönsten Passagen, stapfe im Müßiggang mit meinen albernen, roten Gummistiefeln durch den Schneematsch einer Stadt, die es nie zu einer weissen Weihnacht bringen wird. Die eine Hand umklammert fest die Leine eines Lebewesens, dessen Welt sich unaufgeregte vierzig Centimeter über dem Boden abspielt, die andere sucht unter der Kleidung Schutz vor der Kälte.

Sehr schlimm: eingeladen sein, wenn zu Hause die Räume stiller,  der Café besser und keine Unterhaltung nötig ist. – G. Benn

Nostalgische Rückblicke, verträumte Festtagsreden und familiäre Liebesbekundungen. Ein Fernsehsender nach dem anderen strahlt den “ultimativen Jahresrückblick” aus. Politisch, literarisch, theologisch, tierisch. Der Fall eines Popsternchens, ein schwangerer Mann und all die anderen Sommerlochthemen werden breitgetreten, genau wie das Wichtige, das Böse und das ganz grosse Schlimme. Fernsehen, überhaupt, ein Sentimentalitätsvehikel.

Ein Jahresrückblick also. Mein Gedächtnis ist ohne Not gesagt lückenhaft. Reelle zeitliche Abfolgen haben gegen gefühlte Zeitspannen kaum eine Chance. Gefühl schlägt Verstand. Auch deshalb führe ich jahreinjahraus einen Kalender. Der Kalender ist mein Leben. Vampirromantisch und überaus pathetisch gesagt: Verlöre ich ihn – mein Leben zerfiele zu Staub.

Ein solcher Daseinszeuge will möglichst unprätentiös aufbewahrt werden -  also liegen meine Kalender In einer Plastikbox von IK*A. Die ist so steril und charakterlos, wie ein Aufbewahrungshälter für so etwas charakterstarkes wie ein Leben eben sein sollte. Seit ich vergangene Weihnacht ein nettes Gadget geschenkt bekam, hat die Papierliebhaberei ein Ende – und ich zum ersten Mal eine Sicherungskopie meines Lebens. Ein beruhigendes Gefühl, sich nicht auf die Dichtigkeit einer ramschigen in Gottweißwo produzierten Schwedenbox verlassen zu müssen.

Dieses Jahr war ein Jahr des Reisens. Normalerweise eher eine Daheimgebliebene, war ich die letzten zwölf Monate ziemlich viel unterwegs – quer durch Deutschland, die Schweiz und im Juni dann, langgehegt, durch Japan. Ich hatte ein gutes Jahr mit meinen Freunden und Bekannten. Ein Jahr voll schönen Wetters, durchzechter Nächte, besonderer Gaumenfreuden und guter Gespräche. Aber natürlich auch ein Jahr der weniger schönen Dinge. Krankheit und Tod schleichen um ein jeden von uns herum, wie ein hungriger Löwe um seine Beute. Das einzige was man damit machen kann, ist das beste daraus und vor allem weiterzumachen. 

Manche Jahre ziehen an einem vorbei, ohne daß man sie in nennenswerter Erinnerung behält. 2008 wird für mich wohl so ein Jahr werden. In diesem Sinne: Schafft es gut rüber ins Nächste: 2009.

5 Kommentare »

  Matthias wrote @ Dezember 21st, 2008 at 15:00

Ah, Frau Zuckerbäckerin ist wieder da, schön!

“Die ist so steril und charakterlos, wie ein Aufbewahrungshälter für so etwas charakterstarkes wie ein Leben eben sein sollte.”Als Gegenpol hast du ja noch dein Blog.

Ich wünsche dir schöne Weihnachtstage. ;)

  Matthias wrote @ Dezember 24th, 2008 at 14:42

Nochmal taggenau zum Fest:

Frohe Weihnachten, liebe Zuckerbäckerin.

  Rozana wrote @ Dezember 25th, 2008 at 01:08

In diesem Fall wünsche ich Dir ein umso schöneres und ereignisreicheres Jahr 2009! Es muss ja nicht zwingend immer ein superschönes Jahr sein, solange es kein superschlechtes ist. :)

  Zuckerbaeckerin wrote @ Dezember 25th, 2008 at 22:14

Danke Euch! :-)

@Rozana Und Dir noch gute Besserung & Ohren steif halten!

  Matthias wrote @ Dezember 31st, 2008 at 13:41

Liebe Zuckerbäckerin,

ich wünsche dir einen guten Rutsch und für das kommende Jahr nur das Beste!

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