Hin und wieder finde ich Dinge auf meiner Festplatte. Ähnlich wie mit meiner IKEA-Plastikbox, in der sämtliche Unterlagen erstmal unsortiert landen, bis ich mich nach einem halben Jahr erbarme und sie in die jeweiligen Ordner einhefte, befindet sich auf meiner Festplatte ein Ordner “Stuff”, in dem alles landet, was ich vorerst nicht sortieren oder zuordnen möchte. Vorerst bedeutet manchmal einen Monat. Oder ein Jahr. Oder zwei.
Auf jeden Fall habe ich gestern eine Datei mit meinem ersten Beitrag, den ich im Stuttgart Blog geschrieben habe, gefunden:
Böse Zungen würden mich als Landpommeranze im Städtle bezeichnen. Ich sage lieber Dorfkind, das nun im nächstgrößeren Dorf wohnt. Unschuldig wie ich bin, habe ich mir den allerfeinsten Stadtteil ausgesucht: Mitte – Bohnenviertel.
Am Anfang waren die Nächte hart. Zwar hielten die Schallschutzfenster was sie versprachen, aber daß die Fenster ihre wundersame lärm hemmende Wirkung im geöffneten Zustand (Sauerstoff des Nächtens soll ja gut sein – wobei zu bezweifeln ist, dass das was da reinkommt auch solchen enthält) nicht entfalten können, kam mir natürlich erst nachdem ich eingezogen war. Nun wohne ich an keiner stark befahrenen Straße und trotz Nutten rechts und links hält sich das nächtliche Gegröle besoffener Freier in Grenzen, aber wenn man vom “quasi-Land” kommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren man sei lautstärketechnisch in Disney World gelandet.
Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt, genauso wie an die Prostituierten, malträtierte Pflänzchen im Blumenbeet vorm Haus (der Eigentümer pflanzt sie mit einer stoischen Gelassenheit immer wieder nach), das nächtliche Flutlicht der Feuerwehr, Dealer und Typen die einen fragen was es kostet auch wenn man ziemlich öd bekleidet ist. Und ich wundere mich natürlich auch über nichts und niemanden mehr. Als ich zum Beispiel neulich nachts tadelnd von einer Prostituierten darauf hingewiesen wurde, ich hätte mein Auto auf dem Gehweg abgestellt und würde aufgrund dessen abgeschleppt werden, bäffte ich nur ein „Mich schleppt wenigstens noch jemand ab“ zurück und verschwand ziemlich schnell im Haus, bis in die frühen Morgenstunden bangend, mein Auto könne am nächsten Morgen von rachsüchtigen Nutten demoliert worden sein.
Aber natürlich liebe ich s’Städtle trotzdem! Während ausgehen für mich früher ein echtes Highlight war, bin ich jetzt andauernd in Sachen persönlichem Amusement unterwegs. Ich komme um Cafés, Bars, Theaterhäuser, Kinos, Museen und den Schlosspark einfach nicht herum. Ich treffe Freunde und Bekannte zufällig, geplant oder kurzfristig vereinbart und das Montagdienstagmittwochdonnerstagfreitagsamstagsonntag. Daß ich dabei doppelt so viel Geld ausgebe wie vorher ist nebensächlich.
Ach ja, in diesem großen schwäbischen Dorf trifft man alles und jeden (eine Taube die einem ungefragt aufs Autodach kackt, den ungeliebten Exfreund) und nichts und niemanden (den rechten Parkplatz zur rechten Zeit, den gutaussehenden Nachbarn von oben drüber) Und man begegnet netten Menschen. Jeden morgen um ziemlich genau 7:13 Uhr durchquere ich die Karlspassage im Breuninger, wo ich auf den immergleichen Wachmann stoße, der mir freundlich zunickt. Einige hundert Meter weiter dann grüßt mich freundlich die Blumenhändlerin. Die musste ich mir leider erst erziehen. Als ich die erste paar Mal an ihr vorüberging und zaghaft lächelte, hat sich mich noch ignoriert, später misstrauisch beäugt. Nach einer Weile bin ich vom Lächeln zum Grüßen übergegangen und habe das so konsequent durchgezogen, daß sie irgendwann nicht mehr anders konnte. Seitdem strahlt sie mich morgens an, wenn ich die Straße hochkomme. Nächste Woche fahre ich in den Urlaub – sie wird mich vermissen.
Der Urlaub ist übrigens auch der Grund weshalb ich das hier schreibe. Bin schon länger stille Leserin des Stuttgart Blogs und wollte für den Fall dass ich meinen Urlaubstrip im indischen Ozean nicht überlebe, einfach mal loswerden, wie sehr ich diese Stadt mag. Und Konvertiten sind ja bekanntlich die schlimmsten. Amen.