Ich kann Zweifel-Wortspiele nicht besonders leiden. Deshalb ist der Titel auch nur ungewollt eins. Denn ich war es wirklich.
Jeder Mensch besteht mehr oder minder aus kleineren und größeren Spleens und Süchten und einer meiner Ticks lässt sich sicherlich bei meiner Affinität zu Zweifel Paprika-Chips vermuten. Da Chips im allgemeinen und Zweifel-Chips im Besonderen sich weder preislich- noch nährwerttechnisch als tägliches Zubrot eignen, handle ich den Verzehr einer Tüte Zweifel-Chips als eine Art Fest ab.
Ungefähr zwei bis dreimal im Monat küre ich einen Tag zum Zweifel-Tag und begebe mich zum Supermarkt meines Vertrauens, um eine Tüte zu erwerben. Ich bin immer ganz dankbar (auch wenn das vordergründig anders aussehen mag), wenn sie die 90g Packungen da haben, dann habe ich im Anschluß wenigstens kein Bauchweh, weil ich in meinem Wahn die ganze 175g-Packung komplett aufgefuttert habe. Zweifel-Chips sind Suchtmacher, n’est-ce pas?
Es war also so ein Tag. Ich wachte mit einer leisen Ahnung von Zweifel-Chips auf. Der Gedanke verfestigte sich im Laufe des Tages und zu fortgeschrittener Stunde war ich schon festen Willens. Ich verzichtete am Nachmittag auf mein Eis und brachte stattdessen meinem gutherzigen Mechaniker 3 Kugeln mit, der mir im Gegenzug meine zu Bums gefahrene Kennzeichenhalterung wieder befestigte. Während er da so vor meinem Auto lag und am Kennzeichen rumfummelte, lehnte ich am Heck, beobachtete ihn wohlwollend und dachte über Zweifel-Chips nach.
Gegen Abend machte ich mich dann auf dem Weg in den Supermarkt. Jetzt bloß rein da, Chips holen und raus. Geiselbefreiung. Ich bog nach dem 3. Mittelgang rechts ab und mein Blick streifte gleich das Chips-Regal. Links unten waren sie beheimatet.
Eigentlich.
Ich schluckte leer – und dann spürte ich ihn kommen. Herr Unmut schlich sich an. Ganz vorsichtig. Als er sich seiner Beute sicher war, sprintete er los und krallte sich mit einem beherzten Sprung in sein Opfer: mich. Rien ne va plus.
Ich verließ ich den Laden und ging einige hundert Meter weiter in den nächsten Supermarkt. Aber nichts. Chio, Pringels und wie sie alle hießen. ZWEIFEL, verdammt! Also ging ich noch mal zurück. An der Kasse saß ein Kassierer, der mir schon öfter aus diversen Nahrungsmittelpatschen geholfen hatte. “Entschuldigung”, sagte ich und verzog einigermaßen weinerlich das Gesicht. “Welche ihrer Filialen in Stuttgart führt denn noch Zweifel-Chips?” – “Wieso? Sind keine mehr da?”. Ich senkte den Blick, schnappte hörbar nach Luft und stieß dann aus: “Nein! – Und ich brauche doch so dringend welche. Die Original. Mit Paprika. Wenn ich das gewußt hätte!” Pause. “Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte sie auf Vorrat gekauft.” Meine Mundwinkel gaben ein Trauerspiel ab. Er sah betroffen aus. “Wir haben ab morgen eine Aktion”, sagte er zögerlich. “Die Ware ist im Lager, aber ich weiß nicht, ob… ach, folgen sie mir mal.” Er bediente noch eine Kundin, schloß die Kasse und rief seinem Kollegen ein “Bin mal kurz hinten!” zu. Ich nickte artig und folgte. Er murmelte etwas vor sich hin und bedeute mir dann zu warten. Als er wieder kam sprach sein Gesicht Bände und überflüssigerweise fügte er hinzu: “Die Chips sind schon da, aber die Ware ist noch nicht registriert. Ich darf sie nicht verkaufen.” Ich machte große Augen. Stille. Er schaubte und verschwand abermals. Als er zurückkam, trug er 10 Minitüten Original Paprika-Chips auf dem Arm. “Gratismuster” sagte er tonlos. Dann ein lächeln. “Ohhh” seufzte ich möglichst dankbar. Er stopfte mir die Tüten in eine Tragetasche und überreichte sie mir mit gespielter Feierlichkeit. “Schönen Abend, das Fräulein!”. Ich dankte, versprach hastig für immer treuer Stammkunde zu bleiben und rauschte aus dem Laden.
Vor dem Eingang öffnete ich eine der kleinen Tüten und nahm zwei Chips heraus. Sie schmeckten wunderbar. Wie immer.