Im übrigen
Ich komme mir ja selbst lächerlich vor, wenn ich eine Station lang in meiner Handtasche nach einer Fahrkarte krame, die ich gar nicht habe. Aber was erwarten von einem Sonntagsschwarzfahrer?
Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Schneid.
Ich komme mir ja selbst lächerlich vor, wenn ich eine Station lang in meiner Handtasche nach einer Fahrkarte krame, die ich gar nicht habe. Aber was erwarten von einem Sonntagsschwarzfahrer?
Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Schneid.
Die Hinfahrt.
Wir entschieden uns für öffentliche Verkehrsmittel. Sie sagte, ihr Ticket sei erst ab 18 Uhr gültig, klagte, daß es dumm gewesen sei die S-Bahn um 17:57 Uhr auszuwählen und jammerte, als wir spät am Bahnsteig ankamen und die Bahn gerade fortfuhr. Ich wollte, daß es ein guter Abend wird – und sagte nichts.
Die Karte.
Im Restaurant ging ich erst einmal auf die Toilette. Als ich wiederkam, studierte sie bereits die Karte. Und sie studierte sie, als ich mir mein Essen ausgesucht hatte. Und sie studierte sie noch, als das Paar, daß 10 Minuten nach uns hereingekommen war, bereits die Getränke serviert bekam. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und beobachtete sie beim Aussuchen. Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einem kleinen Ärgernis. Sie holte hörbar Luft: “Ich will eine Vorspeise, aber dann ist das Hauptgericht zuviel. Können wir uns das Hauptgericht Nr. 23 teilen?”, fragte sie. “Sorry, ich würde gern die 41 essen.” - ”Das mag ich aber nicht”. Ich schluckte leer und sagte so freundlich und verbindlich wie möglich: “Dann tut es mir Leid.”
Sie nickte pikiert und vertiefte sich wieder in die Karte. Der Kellner war zwischenzeitlich zwei mal da gewesen. Sie sah sich die Lammfleischgerichte an und fragte genervt: “Ja und da gibt’s nichts dazu, oder wie?”.
Alarmbereitschaft.
“Doch”, summte ich beschwichtigend, “da gibt’s zu jedem Gericht Reis”. “Das steht doch auch da” – und zeigte mit dem Finger auf den Satz “Zu jedem Gericht servieren wir Basmati-Reis”. Nicken. Sie suchte weiter.
Es ist okay, sich sein Essen mit Sorgfalt auszusuchen.
Als das Pärchen nun bereits bei der Vorspeise war, war das kleine Ärgernis zu mir herübergekrochen und hatte sich in meinem Nacken festgesetzt. “Und, findest Du was?” sagte ich tonlos und winkte gleichzeitig den Kellner heran. Murren, dann ein verkniffenes “Dann nehme ich halt das Lamm”.
Die Bestellung
Ich gab meine Bestellung auf, dann sie: “Ich nehme das Lammfleisch mit Gemüse. Ich möchte zu diesem Gericht aber keinen Reis, ich möchte stattdessen lieber mehr Gemüse.” Der Kellner zögerte, sagte dann: “Gut, wir machen Ihnen gerne mehr Gemüse dazu, den Reis gibt es sowieso separat.”
Sie: “Ich will aber gar keinen Reis dazu haben. Ich esse Fleisch nicht mit Reis.”
Er: “Sie müssen keinen Reis essen, es gibt eine gemeinsame Schale mit Reis” -
Sie: “Ja, aber ich will überhaupt keinen Reis. Ich esse zu Fleisch keine Kohlenhydrate, verstehen Sie?”
“ICH möchte gerne Reis”, sagte ich gepresst - und zum Kellner: “Bitte bringen sie einfach weniger Reis”.
Sie seufzte. ”Ich hoffe, daß es sich auch tatsächlich um unterschiedliche Gemüsesorten handelt und nicht nur um so undefinierbare Stückchen in einer Sauce, denn damals, beim Perser, waren das nur Bohnen. Da kann von Gemüse ja nun nicht wirklich die Rede sein.”
Ich nickte.
Das Essen
Als das Essen serviert wurde, stellte ich mit Erleichterung fest, daß es sich um eine ordentliche Portion Gemüse handelte. Der Abend schien die Kurve gerade noch mal bekommen zu haben. Ich nahm mir Reis. Sie zögerte, und nahm dann auch von dem Reis. Dazu erklärte sie missmutig: “Also, das kann ich ja jetzt wirklich nicht nur so essen, da werde ich ja nie satt.”
Ich verfiel in betretenes Schweigen, während sie mir von irgendwelchen ihr bekannten Kellnern aus irgendwelchen Bars erzählte. Auf der Heimfahrt sagte sie: Das nächste Mal gehen wir zum Italiener. Ich sagte nichts. Aber dieses nächste Mal wird es nicht geben.
Hin und wieder finde ich Dinge auf meiner Festplatte. Ähnlich wie mit meiner IKEA-Plastikbox, in der sämtliche Unterlagen erstmal unsortiert landen, bis ich mich nach einem halben Jahr erbarme und sie in die jeweiligen Ordner einhefte, befindet sich auf meiner Festplatte ein Ordner “Stuff”, in dem alles landet, was ich vorerst nicht sortieren oder zuordnen möchte. Vorerst bedeutet manchmal einen Monat. Oder ein Jahr. Oder zwei.
Auf jeden Fall habe ich gestern eine Datei mit meinem ersten Beitrag, den ich im Stuttgart Blog geschrieben habe, gefunden:
Böse Zungen würden mich als Landpommeranze im Städtle bezeichnen. Ich sage lieber Dorfkind, das nun im nächstgrößeren Dorf wohnt. Unschuldig wie ich bin, habe ich mir den allerfeinsten Stadtteil ausgesucht: Mitte – Bohnenviertel.
Am Anfang waren die Nächte hart. Zwar hielten die Schallschutzfenster was sie versprachen, aber daß die Fenster ihre wundersame lärm hemmende Wirkung im geöffneten Zustand (Sauerstoff des Nächtens soll ja gut sein – wobei zu bezweifeln ist, dass das was da reinkommt auch solchen enthält) nicht entfalten können, kam mir natürlich erst nachdem ich eingezogen war. Nun wohne ich an keiner stark befahrenen Straße und trotz Nutten rechts und links hält sich das nächtliche Gegröle besoffener Freier in Grenzen, aber wenn man vom “quasi-Land” kommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren man sei lautstärketechnisch in Disney World gelandet.
Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt, genauso wie an die Prostituierten, malträtierte Pflänzchen im Blumenbeet vorm Haus (der Eigentümer pflanzt sie mit einer stoischen Gelassenheit immer wieder nach), das nächtliche Flutlicht der Feuerwehr, Dealer und Typen die einen fragen was es kostet auch wenn man ziemlich öd bekleidet ist. Und ich wundere mich natürlich auch über nichts und niemanden mehr. Als ich zum Beispiel neulich nachts tadelnd von einer Prostituierten darauf hingewiesen wurde, ich hätte mein Auto auf dem Gehweg abgestellt und würde aufgrund dessen abgeschleppt werden, bäffte ich nur ein „Mich schleppt wenigstens noch jemand ab“ zurück und verschwand ziemlich schnell im Haus, bis in die frühen Morgenstunden bangend, mein Auto könne am nächsten Morgen von rachsüchtigen Nutten demoliert worden sein.
Aber natürlich liebe ich s’Städtle trotzdem! Während ausgehen für mich früher ein echtes Highlight war, bin ich jetzt andauernd in Sachen persönlichem Amusement unterwegs. Ich komme um Cafés, Bars, Theaterhäuser, Kinos, Museen und den Schlosspark einfach nicht herum. Ich treffe Freunde und Bekannte zufällig, geplant oder kurzfristig vereinbart und das Montagdienstagmittwochdonnerstagfreitagsamstagsonntag. Daß ich dabei doppelt so viel Geld ausgebe wie vorher ist nebensächlich.
Ach ja, in diesem großen schwäbischen Dorf trifft man alles und jeden (eine Taube die einem ungefragt aufs Autodach kackt, den ungeliebten Exfreund) und nichts und niemanden (den rechten Parkplatz zur rechten Zeit, den gutaussehenden Nachbarn von oben drüber) Und man begegnet netten Menschen. Jeden morgen um ziemlich genau 7:13 Uhr durchquere ich die Karlspassage im Breuninger, wo ich auf den immergleichen Wachmann stoße, der mir freundlich zunickt. Einige hundert Meter weiter dann grüßt mich freundlich die Blumenhändlerin. Die musste ich mir leider erst erziehen. Als ich die erste paar Mal an ihr vorüberging und zaghaft lächelte, hat sich mich noch ignoriert, später misstrauisch beäugt. Nach einer Weile bin ich vom Lächeln zum Grüßen übergegangen und habe das so konsequent durchgezogen, daß sie irgendwann nicht mehr anders konnte. Seitdem strahlt sie mich morgens an, wenn ich die Straße hochkomme. Nächste Woche fahre ich in den Urlaub – sie wird mich vermissen.
Der Urlaub ist übrigens auch der Grund weshalb ich das hier schreibe. Bin schon länger stille Leserin des Stuttgart Blogs und wollte für den Fall dass ich meinen Urlaubstrip im indischen Ozean nicht überlebe, einfach mal loswerden, wie sehr ich diese Stadt mag. Und Konvertiten sind ja bekanntlich die schlimmsten. Amen.
Nur gut, daß es endlich Schausteller gibt, die auf die frühreife Jugend von heute reagieren und den Sex- und Treuetest direkt neben dem Kinderkarussell platzieren.
Ich kann Zweifel-Wortspiele nicht besonders leiden. Deshalb ist der Titel auch nur ungewollt eins. Denn ich war es wirklich.
Jeder Mensch besteht mehr oder minder aus kleineren und größeren Spleens und Süchten und einer meiner Ticks lässt sich sicherlich bei meiner Affinität zu Zweifel Paprika-Chips vermuten. Da Chips im allgemeinen und Zweifel-Chips im Besonderen sich weder preislich- noch nährwerttechnisch als tägliches Zubrot eignen, handle ich den Verzehr einer Tüte Zweifel-Chips als eine Art Fest ab.
Ungefähr zwei bis dreimal im Monat küre ich einen Tag zum Zweifel-Tag und begebe mich zum Supermarkt meines Vertrauens, um eine Tüte zu erwerben. Ich bin immer ganz dankbar (auch wenn das vordergründig anders aussehen mag), wenn sie die 90g Packungen da haben, dann habe ich im Anschluß wenigstens kein Bauchweh, weil ich in meinem Wahn die ganze 175g-Packung komplett aufgefuttert habe. Zweifel-Chips sind Suchtmacher, n’est-ce pas?
Es war also so ein Tag. Ich wachte mit einer leisen Ahnung von Zweifel-Chips auf. Der Gedanke verfestigte sich im Laufe des Tages und zu fortgeschrittener Stunde war ich schon festen Willens. Ich verzichtete am Nachmittag auf mein Eis und brachte stattdessen meinem gutherzigen Mechaniker 3 Kugeln mit, der mir im Gegenzug meine zu Bums gefahrene Kennzeichenhalterung wieder befestigte. Während er da so vor meinem Auto lag und am Kennzeichen rumfummelte, lehnte ich am Heck, beobachtete ihn wohlwollend und dachte über Zweifel-Chips nach.
Gegen Abend machte ich mich dann auf dem Weg in den Supermarkt. Jetzt bloß rein da, Chips holen und raus. Geiselbefreiung. Ich bog nach dem 3. Mittelgang rechts ab und mein Blick streifte gleich das Chips-Regal. Links unten waren sie beheimatet.
Eigentlich.
Ich schluckte leer – und dann spürte ich ihn kommen. Herr Unmut schlich sich an. Ganz vorsichtig. Als er sich seiner Beute sicher war, sprintete er los und krallte sich mit einem beherzten Sprung in sein Opfer: mich. Rien ne va plus.
Ich verließ ich den Laden und ging einige hundert Meter weiter in den nächsten Supermarkt. Aber nichts. Chio, Pringels und wie sie alle hießen. ZWEIFEL, verdammt! Also ging ich noch mal zurück. An der Kasse saß ein Kassierer, der mir schon öfter aus diversen Nahrungsmittelpatschen geholfen hatte. “Entschuldigung”, sagte ich und verzog einigermaßen weinerlich das Gesicht. “Welche ihrer Filialen in Stuttgart führt denn noch Zweifel-Chips?” – “Wieso? Sind keine mehr da?”. Ich senkte den Blick, schnappte hörbar nach Luft und stieß dann aus: “Nein! – Und ich brauche doch so dringend welche. Die Original. Mit Paprika. Wenn ich das gewußt hätte!” Pause. “Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte sie auf Vorrat gekauft.” Meine Mundwinkel gaben ein Trauerspiel ab. Er sah betroffen aus. “Wir haben ab morgen eine Aktion”, sagte er zögerlich. “Die Ware ist im Lager, aber ich weiß nicht, ob… ach, folgen sie mir mal.” Er bediente noch eine Kundin, schloß die Kasse und rief seinem Kollegen ein “Bin mal kurz hinten!” zu. Ich nickte artig und folgte. Er murmelte etwas vor sich hin und bedeute mir dann zu warten. Als er wieder kam sprach sein Gesicht Bände und überflüssigerweise fügte er hinzu: “Die Chips sind schon da, aber die Ware ist noch nicht registriert. Ich darf sie nicht verkaufen.” Ich machte große Augen. Stille. Er schaubte und verschwand abermals. Als er zurückkam, trug er 10 Minitüten Original Paprika-Chips auf dem Arm. “Gratismuster” sagte er tonlos. Dann ein lächeln. “Ohhh” seufzte ich möglichst dankbar. Er stopfte mir die Tüten in eine Tragetasche und überreichte sie mir mit gespielter Feierlichkeit. “Schönen Abend, das Fräulein!”. Ich dankte, versprach hastig für immer treuer Stammkunde zu bleiben und rauschte aus dem Laden.
Vor dem Eingang öffnete ich eine der kleinen Tüten und nahm zwei Chips heraus. Sie schmeckten wunderbar. Wie immer.