Japan in Fetzen
Tokyo ist New York ist Paris ist London oder Eine Stadt ist eine Stadt ist eine Stadt. Die Menschen sind urban gelassen oder auch einfach nur durchgeknallt. Als wir in Akihabara (Tokyos Electric City) ankommen, hat unweit gerade jemand sieben Menschen getötet.
Im Flugzeug sitzen über fünfzig Prozent Japaner – und es werden mehr. Überall Schulmädchen. Reihenweise betreten wippende Pferdeschwänze die Kabine. Ich schließe die Augen und lausche ihrem Singsang.
All you can eat (but don’t want to) Es hilft nichts, Starbucks und McDonalds zu verachten, wenn all das andere Essen noch untragbarer ist. Ich bin mir sehr sicher: Japan mag keine Vegetarier.
Urlaubskarten schreiben kann einen belastenden Charakter entwickeln. Das Postkartenformat schüchtert mich in Drückerkolonnenmanier ein. Bloß nicht zuviel schreiben. Und nicht über den Rand. Journalisten tun mir Leid. Die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl Zeichen muß depressionsfördernd sein.
Landsmann getroffen. Romandie. Sehnsucht nach Rösti. Stattdessen Supermarkt-Tiramisu zu Abend und Algen zum Frühstück.
Es ist schwierig in Japan ein Geschäft zu betreten, ohne gleich von fünf Angestellten in einer Sprache, die man nicht versteht, zur Begrüßung angeschrieen zu werden.
Japanischer Regen ist Melancholie. Er umarmt einen bleiern, durchtränkt Kopf und Verstand. Dakota Suite. Man kann es hören.
Ich finde mich in einer Karaoke-Bar wieder. Um keinen Alkohol trinken zu müssen, stelle ich mich dumm. We’re just bloody tourists.
Japanische Züge sind voll Ehr’. Sauber, leise, schnell, diskret.
Manchmal muß man sich Situationen einfach ergeben, zum Beispiel der, daß beide Flüge Verspätung haben oder ich nicht mehr sagen könnte, welcher Teil meines Körpers nicht schmerzt.
24-Stunden-trip. In dem Moment, in dem ich sitze, bin ich mir sicher wie noch nie in meinem Leben, hier nie wieder aufstehen zu wollen. Meine kurz zuvor gefassten Pipipläne sind verworfen. Die Blase kann warten.
Randnotiz: Japanische Aufzüge fackeln nicht lange.
Wie ich da im Flugzeug sitze, fiebrig und übernächtigt, legt sich M.s kleine Hand auf meine. Zärtlich tätschelt sie sie und deckt mich mit ihrer Jacke zu. M. ist so sehr Mutterliebe, wie sie nur in russischen Großfamilien geboren werden kann.