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Archive for Juli, 2008

Japan in Fetzen

Tokyo ist New York ist Paris ist London oder Eine Stadt ist eine Stadt ist eine Stadt. Die Menschen sind urban gelassen oder auch einfach nur durchgeknallt. Als wir in Akihabara (Tokyos Electric City) ankommen, hat unweit gerade jemand sieben Menschen getötet.

Im Flugzeug sitzen über fünfzig Prozent Japaner – und es werden mehr. Überall Schulmädchen. Reihenweise betreten wippende Pferdeschwänze die Kabine. Ich schließe die Augen und lausche ihrem Singsang. 

All you can eat (but don’t want to) Es hilft nichts, Starbucks und McDonalds zu verachten, wenn all das andere Essen noch untragbarer ist. Ich bin mir sehr sicher: Japan mag keine Vegetarier. 

Urlaubskarten schreiben kann einen belastenden Charakter entwickeln. Das Postkartenformat schüchtert mich in Drückerkolonnenmanier ein. Bloß nicht zuviel schreiben. Und nicht über den Rand. Journalisten tun mir Leid. Die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl Zeichen muß depressionsfördernd sein.

Landsmann getroffen. Romandie. Sehnsucht nach Rösti. Stattdessen Supermarkt-Tiramisu zu Abend und Algen zum Frühstück.

Es ist schwierig in Japan ein Geschäft zu betreten, ohne gleich von fünf Angestellten in einer Sprache, die man nicht versteht, zur Begrüßung angeschrieen zu werden. 

Japanischer Regen ist Melancholie. Er umarmt einen bleiern, durchtränkt Kopf und Verstand. Dakota Suite. Man kann es hören.

Ich finde mich in einer Karaoke-Bar wieder. Um keinen Alkohol trinken zu müssen, stelle ich mich dumm. We’re just bloody tourists.

Japanische Züge sind voll Ehr’. Sauber, leise, schnell, diskret. 

Manchmal muß man sich Situationen einfach ergeben, zum Beispiel der, daß beide Flüge Verspätung haben oder ich nicht mehr sagen könnte, welcher Teil meines Körpers nicht schmerzt.

24-Stunden-trip. In dem Moment, in dem ich sitze, bin ich mir sicher wie noch nie in meinem Leben, hier nie wieder aufstehen zu wollen. Meine kurz zuvor gefassten Pipipläne sind verworfen. Die Blase kann warten.

Randnotiz: Japanische Aufzüge fackeln nicht lange.

Wie ich da im Flugzeug sitze, fiebrig und übernächtigt, legt sich M.s kleine Hand auf meine. Zärtlich tätschelt sie sie und deckt mich mit ihrer Jacke zu. M. ist so sehr Mutterliebe, wie sie nur in russischen Großfamilien geboren werden kann.

Hier entlang, bitte.

Dem Tod von der Schippe

Nun gut, ich gebe zu, daß der Titel die tatsächlichen Geschehnisse dramatisiert aber mal der Reihe nach…

Ich saß gerade im Restaurant bei Pfannengemüse und Traubensaftschorle, als es zu hageln begann. Der Wind trieb ein paar Hagelkörner zum Fenster herein, wo sie auf meiner Tasche schmolzen und in einem dünnen Rinnsal auf den Boden tropften. Mein Gegenüber blickte ein wenig besorgt nach oben, obwohl es dort nur die Decke zu sehen gab, murmelte etwas von “Unwetter” und widmete sich wieder seinem überdimensionierten Steak. Der Wind zog an, ich fröstelte und schloss das Fenster. Als wir beim Dessert angelangt waren, ging draußen gerade die Welt unter. 

Ein wenig später schlenderte ich Richtung Schloßplatz, das Wetter hatte sich deutlich gebessert, als ich das Alte Schloß passierte. Auf Höhe der Mediasäule hörte ich ein seltsames Knirschen – CHRRRR. Ich blickte nach oben und sah, erst schemenhaft, dann ziemlich deutlich, ein Stück des Schloßgemäuers auf mich zufallen. Mit weit geöffnetem Mund und unkoordiniert umherbaumelnden Armen (der Mensch stammt eben doch vom Affen ab) ging ich einen Schritt beiseite und starrte auf das Stück Stadtgeschichte, das neben mir mit einem lauten Klatschen zu Boden ging. ”Wow” dachte ich und bückte mich nach dem Brocken. Den Blick zum Himmel dann, sah ich, daß dem alten Schloß nun ein kleines Stück des Mauerwerks fehlte. Ich hielt das Beinahe-Schädeltrauma fest in meinen Händen. Dann wickelte ich es in eine Papiertüte und nahm es mit nach Hause. Seitdem liegt es friedlich auf meiner Anrichte und staubt ein. Wie es sich für hundertjahraltes Gemäuer gehört.