inicio mail me! sindicaci;ón

Stille Wasser sind tief

Als ich Flügge wurde, in Ausbildung ging und zuhause auszog, entzogen mir meine Eltern strafeshalber jede finanzielle Zuwendung. Mir wurde schnell klar, daß sich der Verzicht nicht nur auf Reisen ins ferne Ausland beschränken, sondern mich auch in meinen Grundbedürfnissen einschränken würde. Und so machte ich meine Mutter, die uns Kinder mit stillem Wasser (Orangensaft nur am Wochenende, ein kleines Glas zum Frühstück, Ostersonntag auch mal zwei, Cola, Fanta, süßer Sprudel nur im Traum oder beim Nachbarskind) großgezogen hat, dafür verantwortlich, daß ich eine ausgeprägte Affinität zu einem Wasser eines bestimmten Herstellers entwickelte.

Als ich feststellte, daß mein mageres Lehrlingssalär dieses nicht rechtfertige, suchte ich in nicht enden wollenden Wasserdegustationen einen würdiger Nachfolger für aber-bitte-nicht-mehr-als-19-Cent-die-Flasche – und wurde fündig, auch wenn mir diese Umstellung erst mal gar nicht schmeckte: Wasser ist einfach nicht gleich Wasser und 18 Jahre Prägung nicht so einfach auszumerzen.

Zeit verstrich und mein Lieblingswasser blieb Restaurant- und Elternbesuchen vorbehalten – ich bekam schon beinahe ein schlechtes Gewissen, es aus schierem Durst zu trinken. Was den andern der Rotwein, war mir mein Wasser.

Lang ist’s her und mittlerweile würde es mich auch nicht mehr in den Ruin treiben – aber irgendwie ist die Luft raus. Heute trinke ich allerorten Leitungswasser. Das muß man nicht die Treppen raufschleppen und ist immer schon vorgekühlt. Ich denke nur selten an den wirklichen feinen Geschmack (nach Calcium, Kalium und wie sie alle heißen, aber vor allem nach Kindheit) meines Lieblingswassers zurück – wie heute, wenn mir mein Kollege einen Gefallen tun will und mir eine Flasche Volvic aus der Caféteria mitbringt – das schmeckt nämlich einfach nur widerlich.

4 Kommentare »

  David wrote @ April 25th, 2008 at 19:27

Tatsächlich kann ein bestimmtes Wasser zunächst besser schmecken als andere und dann schließlich nachträglich an die Zeit und das Umfeld des Trinkens erinnern.
Ich denke da zum Beispiel an eine Freizeit in der Schweiz, auf welcher ich mich aus noch immer unerklärlichen Gründen mehr auf das servierte, und ich meine süßliche Quellwasser freute als auf das Essen. Auf besagter Freizeit hatte ich dann auch aus purem Zufall die zehn, von jemandem vergessenen Franken in dieser Parkuhr gefunden, aber das gehört nicht hierher.
Das Wasser habe ich nie wieder woanders so geschmeckt und ich frage mich immer noch, wo diese Quelle genau war. Das habe ich nämlich leider damals nicht erfragt und es mir daher auch nicht gemerkt. Muß nun also wieder das Billigwasser aus dem Hahnen oder dem Supermarkt herhalten.

Panta rhei.

  Zellmi wrote @ April 25th, 2008 at 23:55

Wenn ich daran denke, mit wie viel Hohn und Spott ich als leidenschaftlicher Wassertrinker schon konfrontiert wurde, dann ist die Lektüre dieses Beitrags wirklich eine wohltuend angenehme Abwechslung. Viele glauben einem nämlich nicht, dass Wasser nicht gleich Wasser ist. Und wie viele Freunde wollten mir schon, da ich keine alkoholischen Getränke mag, mit teuren Säften und trendigen Limonaden auf ihren Parties schon eine Freude machen und wie enttäuscht waren die meisten, wenn ich dann am Allerliebsten ein Glas Leitungswasser haben wollte …

  Arthur Dent wrote @ April 26th, 2008 at 12:15

So, wie Du es schreibst, kann ich es gut nachvollziehen. Ich ziehe z.B. auch Leitungswasser dem 19 Cent pro 1,5 L Wasser aus dem Aldi (oder welchem Supermarkt auch immer) vor, und die großen Marken schmecken wirklich unterschiedlich.
Was mir persönlich allerdings etwas zu weit geht (in dem Sinne, dass ich den Unfug dann einfach nicht mitmache), sind die extrem überteuerten Wellness-Wasser. Ich war vor nicht allzu langer Zeit in einer hübschen Bar und da gab es eine extra Wasser-Karte. Mit Wassern bis zu 20 Euro pro Flasche. Wahrscheinlich von tanzenden, nackten Jungfrauen bei Vollmond abgefüllt. :)
So ein Preis beflügelt zumindest die Phantasie.

  Jan Theofel wrote @ April 27th, 2008 at 20:11

Ich kann dem nur beipflichten: Es gibt riesige Unterschiede, was Wasser angeht. Und vieles, was in Flaschen daherkommt ist ungenießbar. Aber viele kaum noch künstliche von natürlichen Lebensmitteln unterscheiden können, ist es kaum verwunderlich, wenn das kaum noch jemand bemerkt. Wobei die speziellen Wasserkarten dann vielleicht doch etwas übertrieben sind…

Da ich gerade mal wieder im selben ICE sitze (es lebe UMTS) erinnert mich dieser Blog-Post ein wenig an meinen Wasser und Geschicklichkeitstest den ich vor ein paar Monaten auf dieser Strecke absolvieren durfte…

Your comment

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>