Wir könnten verschiedener nicht sein und deshalb hängen wir uns an den Lippen, wann immer wir uns aus unseren doch sehr unterschiedlichen Welten erzählen. In umständliche Gespräche verheddert, müssen wir uns dann mit einem nahezu ritualisierten “Na gut” wieder auf den Boden der Tatsachen – aktuell Satie – zurückbringen. Sein “Na gut” hat etwas weniger endgültiges als meines, aber ein verschmitzes Lächeln und eine hochgezogene Augenbraue später wenden wir uns dann doch einigermaßen ernsthaft den Tasten des Klaviers zu.
Die Toilette meines Klavierlehrers ist definitv erwähnenswert. Die Wände dieser winzigen Kammer, deren Dielen beim Betreten beschwichtigend knarren, sind gepflastert mit handschriftlichen Notizen und Zeichnungen. Sie beinhalten Gedanken, einige Theorien und Zitate mal mehr oder weniger bekannter Dichter und Denker. Auf einem stilisierten Selbstportrait steht “Ich denke, also…” und darunter eine Aufzählung eigenwilliger Ergänzungen. Sitzt man dann auf der Schüssel, blickt man frontal auf einen mahnmalartig an die Wand gepinnten Steuerbescheid, schummrig beleuchtet von der mit einem Leinentuch abgehängten Deckenlampe. Bislang hab ich meinen Aufenthalt auf der Toilette nicht über die Dauer zweier Höflichkeitspipis herausgebracht, um mir den Rest etwas genauer anzusehen, aber kommt Zeit…
Heute verfielen wir ob eines schlechten Wortwitzes über die Poincaré-Vermutung in albernes Kichern, als uns das schrille Klingeln der Türglocke unterbrach. Mein Klavierlehrer sprang auf und öffnete die Tür. Als er wieder hereinkam, folgte ihm sein nächster Schüler: Ein ernst dreinblickender, blasser Junge von vielleicht zwölf Jahren.
Mit einem Mal war jegliche Ausgelassenheit verflogen.