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Auf der Toilette meines Klavierlehrers

Wir könnten verschiedener nicht sein und deshalb hängen wir uns an den Lippen, wann immer wir uns aus unseren doch sehr unterschiedlichen Welten erzählen. In umständliche Gespräche verheddert, müssen wir uns dann mit einem nahezu ritualisierten “Na gut” wieder auf den Boden der Tatsachen – aktuell Satie – zurückbringen. Sein “Na gut” hat etwas weniger endgültiges als meines, aber ein verschmitzes Lächeln und eine hochgezogene Augenbraue später wenden wir uns dann doch einigermaßen ernsthaft den Tasten des Klaviers zu.

Die Toilette meines Klavierlehrers ist definitv erwähnenswert. Die Wände dieser winzigen Kammer, deren Dielen beim Betreten beschwichtigend knarren, sind gepflastert mit handschriftlichen Notizen und Zeichnungen. Sie beinhalten Gedanken, einige Theorien und Zitate mal mehr oder weniger bekannter Dichter und Denker. Auf einem stilisierten Selbstportrait steht “Ich denke, also…” und darunter eine Aufzählung eigenwilliger Ergänzungen. Sitzt man dann auf der Schüssel, blickt man frontal auf einen mahnmalartig an die Wand gepinnten Steuerbescheid, schummrig beleuchtet von der mit einem Leinentuch abgehängten Deckenlampe. Bislang hab ich meinen Aufenthalt auf der Toilette nicht über die Dauer zweier Höflichkeitspipis herausgebracht, um mir den Rest etwas genauer anzusehen, aber kommt Zeit…

Heute verfielen wir ob eines schlechten Wortwitzes über die Poincaré-Vermutung in albernes Kichern, als uns das schrille Klingeln der Türglocke unterbrach. Mein Klavierlehrer sprang auf und öffnete die Tür. Als er wieder hereinkam, folgte ihm sein nächster Schüler: Ein ernst dreinblickender, blasser Junge von vielleicht zwölf Jahren.

Mit einem Mal war jegliche Ausgelassenheit verflogen.

5 Kommentare »

  Jenny wrote @ Februar 7th, 2008 at 16:48

Schön geschrieben.

  David wrote @ Februar 7th, 2008 at 22:50

Erinnert mich mit Wehmut an meine, in jeder Hinsicht tolle Klavierlehrerin, welche ich im klassischen Sinne sehr bewunderte, jedoch leider mittlerweile aus Repertoirevorstellungsdiskrepanzen auf der Strecke lassen mußte.
Na gut.
Was wird denn dann da bei euch beiden repertoiremäßig so angetastet, wenn ich fragen darf?

  Matthias wrote @ Februar 8th, 2008 at 09:35

Es gibt “Höflichkeitspipis”? Das muss ich mal im Knigge nachforschen.

Vielleicht wurde ich von dem einen oder der anderen kein weiteres Mal eingeladen, weil ich das Höflichkeitspipigehen vernachlässigte?

Die Toilette klingt echt interessant. Erinnert mich an die Küche eines Freundes, dem das Holz nicht gefällt und er jeden Gast bitten sich mit Edding zu verewigen.

  Zuckerbäckerin wrote @ Februar 11th, 2008 at 19:29

David: Nun ja, ich habe kein Repertoire ;-) Ich spiele gerne Satie, Beethoven, Haydn. Bei Dir sieht’s ja anders aus? :-)

Matthias: Ich meinte das eher so, daß man bei jemand Fremdes die Dauer des Toilettengangs nicht unnötig ausdehnt – also mehr so ein kurzes – und dadurch höfliches – Pipi ;-)

  Niels wrote @ Februar 14th, 2008 at 16:21

Über sowas habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

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