Februar 20, 2008 at 20:38 · Filed under Menschen
Heute Nachmittag fuhr ich gerade mit der Straßenbahn vom Klavierunterricht nach Hause, als ich an der Haltestelle ein Ensemblemitglied des Staatstheaters stehen sah. Zwar kenne ich seinen Namen nicht, aber ich hatte ihn vor einer Weile in einem Stück gesehen und mich unheimlich gut unterhalten gefühlt. Wie er da stand und etwas verloren ins Nichts sah, kramte ich einen Zettel aus meiner Tasche und schrieb darauf “Ich mochte Dich in A. Reiser!” Ich lehnte mich an dem mürrisch dreinblickenden jungen Mann zu meiner rechten vorbei, klopfte an die Scheibe und hielt den Zettel daran. Der Mensch vom Theater stutzte, trat näher, las den Zettel und grinste dann breit. Ich grinste zurück, die U-Bahn fuhr ab und ich ließ das Stück Papier in meine Manteltasche gleiten. Das ist die Art von Zwischenmenschlichkeiten, für die ich gerne Bahn fahre.
Februar 12, 2008 at 08:33 · Filed under Fundstücke
“Lieber SZ-Leser, laut Marktforschung sind Sie 48 Jahre alt, höhergebildet, haben rund 3000 Euro netto monatlich zur Verfügung und stehen mitten im Leben.”*
Stimmt genau. Bis auf Alter, Gehalt und dem mitten-im-Leben-stehen… Ach und Akademiker bin ich auch nicht. Wird Zeit mir eine andere Lektüre zu suchen.
*aus “Einer von uns”, Süddeutsche Magazin
Februar 7, 2008 at 13:54 · Filed under Menschen
Wir könnten verschiedener nicht sein und deshalb hängen wir uns an den Lippen, wann immer wir uns aus unseren doch sehr unterschiedlichen Welten erzählen. In umständliche Gespräche verheddert, müssen wir uns dann mit einem nahezu ritualisierten “Na gut” wieder auf den Boden der Tatsachen – aktuell Satie – zurückbringen. Sein “Na gut” hat etwas weniger endgültiges als meines, aber ein verschmitzes Lächeln und eine hochgezogene Augenbraue später wenden wir uns dann doch einigermaßen ernsthaft den Tasten des Klaviers zu.
Die Toilette meines Klavierlehrers ist definitv erwähnenswert. Die Wände dieser winzigen Kammer, deren Dielen beim Betreten beschwichtigend knarren, sind gepflastert mit handschriftlichen Notizen und Zeichnungen. Sie beinhalten Gedanken, einige Theorien und Zitate mal mehr oder weniger bekannter Dichter und Denker. Auf einem stilisierten Selbstportrait steht “Ich denke, also…” und darunter eine Aufzählung eigenwilliger Ergänzungen. Sitzt man dann auf der Schüssel, blickt man frontal auf einen mahnmalartig an die Wand gepinnten Steuerbescheid, schummrig beleuchtet von der mit einem Leinentuch abgehängten Deckenlampe. Bislang hab ich meinen Aufenthalt auf der Toilette nicht über die Dauer zweier Höflichkeitspipis herausgebracht, um mir den Rest etwas genauer anzusehen, aber kommt Zeit…
Heute verfielen wir ob eines schlechten Wortwitzes über die Poincaré-Vermutung in albernes Kichern, als uns das schrille Klingeln der Türglocke unterbrach. Mein Klavierlehrer sprang auf und öffnete die Tür. Als er wieder hereinkam, folgte ihm sein nächster Schüler: Ein ernst dreinblickender, blasser Junge von vielleicht zwölf Jahren.
Mit einem Mal war jegliche Ausgelassenheit verflogen.