Gestern sah ich einen meiner ehemaligen Klassenlehrer wieder. Er ging die Straße entlang, alt, ergraut, mit wenig Elan. Wäre ich nicht wohlwollend, sagte ich, er schlich. Er blickte zu mir herüber, aber in seinen Augen lag keine Erkenntnis, wie auch. Ich ähnele wohl kaum mehr dem Mädchen von damals. Und dann waren da im Laufe seines Lehrerlebens auch hunderte Mädchen wie ich.
Ich war 11. Und ich war in meinen Klassenlehrer verliebt. Ich sagte es niemanden, denn das wäre auf wenig Verständnis gestoßen. Herr D. war zwar eine Schönheit im Sinne von Jane Eyres Mr. Rochester aber auch streng, laut und despotisch. Er hatte ein kleines Porzellanglöckchen auf dem Lehrerpult stehen, mit dessen Hilfe er seine “allerletzte Warnung” bimmelnd kundtat. Danach setzte es einen Rausschmiss oder schlimmer: einen Eintrag – begleitet von atemlosen Wutausbrüchen. Im Werken-Unterricht machte er uns in der allerersten Stunde klar, daß wenn uns bei der Herstellung unserer Karteikästen eins der sehr dünnen Sägeblättchen kaputtgehen sollte, wir es nicht wagen dürften mit einer anderen Erklärung für dieses Malheuler zu ihm zu kommen, als dieser: “Herr D., ich habe mein Sägeblättchen zerbrochen”. Und hatte man seine Hausaufgaben vergessen, hatte man nach der letzten Stunde ein eher weniger angenehmes rendez-vous mit ihm: Gehirnwäsche und Tadel inklusive. Er war im Grunde ein Arsch. Und ich total verknallt.
Wenn ich so zurückdenke, waren die Höhepunkte der zwei gemeinsamen Schuljahre einmal Fasching, als ich Herrn D. schminken durfte und dann noch ein Ausflug, bei dem ich im Bus neben ihm saß. Mit dem Ende der sechsten Klasse hatte sich neben dem Klassenverband auch meine Schwärmerei in Luft aufgelöst.
Ein paar Jahre später fragte mich meine damals wie dann gute Freundin in einer in-der-Dämmerung-auf-dem-Sportplatz-auf-dem- Boden-liegen-und-sich-das-Herz-ausschütten-Situation: “Du warst doch damals total in Herrn D. verknallt, das ist doch voll der Psycho?!” Ich war etwas peinlich berührt, lachte dann nur und sagte “Ja, ich weiß, voll der Psycho”.
Wie ich ihn so die Straße entlanggehen sah, kam mir in den Sinn, daß er heute wohl keine Kleinmädchenherzen mehr höher schlagen lässt.