Als erstes sah ich ihren Mund. Ihr sehr kleiner, sehr roter Mund formulierte etwas, das ich nicht hören konnte. Sie stand ziemlich nahe vor mir, ein bisschen zu nah. Ich schaltete den iPod aus und schaute sie an. Sie lächelte, blinzelte mit den Augen, aber verlegen war sie nicht. Oder doch? Vielleicht beides, verlegen und dennoch selbstbewußt. Sie fragte: Wie komme ich denn jetzt zum Hauptbahnhof? und als ich nicht sofort reagierte: Ich bin erst am Samstag hergezogen. Das sollte sie noch öfter sagen, dieses ich-bin-erst-am-Samstag-hergezogen. Ich holte hörbar Luft und schenkte ihr erst mal ein Lächeln. Zeit schinden. Mit der U6, 2 Zonen, sagte ich dann langsam.
Sie wiederholte den erst-herzgezogen-Satz. Ein, zwei Sekunden sah sie mich fragend an. Ihre Mundwinkel zuckten, als wolle sie noch etwas sagen, aber sie tat es nicht. Also machte ich eine Geste zum Fahrkartenautomat. Die Anzeigetafel zeigte U6 – 2 Minuten. Sie rührte sich nicht. Ich wurde etwas unruhig. Die Bahn kommt in zwei Minuten, es wäre also besser… ich brach den Satz ab, ging rüber zum Fahrkartenautomat und tippte 0-0-2. Sie kam dazu, murmelte etwas von “sehr verwirrend” und bedankte sich. Bitte, sagte ich und ließ Jay Kay weitersingen. 1 Minute.
Ich spähte nach meiner Sopranistin, von der ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte, daß sie eine war. Sie schien Schwierigkeiten zu haben, denn sie ging eine Spur zu hektisch am Aushangfahrplan auf und ab. Ich machte den iPod wieder aus. Sorry, Jay. Alles klar?, rief ich ihr zu. Ja, ja doch, sagte sie, doch ihr Mund schien das anders zu sehen. Unzufrieden schob sich ihre Unterlippe ein kleinwenig nach vorne. Ich sah mir ihre Augen an, braun-grün. Ihre Haare, mittellang, haselnußfarben, fahrig zu einem Zopf gebunden.
Die Bahn kam, ich stieg ein und setzte mich. Es schien unendlich viele freie Plätze in der U-Bahn zu geben. Wenn sie sich zu mir setzen wollte, hatte sie gute Karten.
Sie wollte.
Aber ihr kleiner roter Mund sagte nichts. Etwas betrübt sah ich zum Fenster hinaus. Dann holte sie ein Gesangbuch aus ihrer Tasche. Mozart. Ich sah sie an, sie mich, sie lächelte. Sie sagte: “Ich studiere an der Opernschule und bin erst am Samstag von Mannheim hierher gezogen. Das ist alles noch etwas verwirrend.” Ich nickte, möglichst verständnisvoll, und wir kamen ins Gespräch. Sie war redselig. Sie sei Sopranistin, sie sei vorher jeden Tag eine Stunde pro Strecke unterwegs gewesen, Mannheim – Stuttgart, das sei zuviel, deshalb sei sie hergezogen, man verdiene nicht so viel, als Opernsänger, aber sie liebe diesen Beruf, sie habe einen Freund in den USA, er käme bald für acht Monate hierher, sie sehe der Zukunft gelassen entgegen. Irgendwann fragte sie, was ich denn so mache, beruflich und sonst so, ich wisse schon. Schick, entgegnete sie, als ich ihr in zwei knappen Sätzen sagte, was ich tat. Schick? Sagte man das so in Mannheim?
Wir hielten am Hauptbahnhof und meine Sopranistin stand auf. Alles Gute, sagte ich etwas wehmütig und sie sagte etwas, das ich nicht verstand. Sie lächelte. Und dann war sie weg.