Gestern traf ich einen alten Bekannten wieder. Vor ungefähr drei Jahren fuhren wir mittags immer mit der selben S-Bahn nach Hause. Wenn ich heute darauf zurückblicke, frage ich mich, wieso ich mir das habe antun lassen, denn ich war anschließend immer völlig entnervt. So runzelte ich unwillkürlich die Stirn, als ich ihn gestern am Hauptbahnhof traf.
Herr, lass den Kelch an mir vorüberziehen dachte ich im Stillen. Aber da die Dinge nun mal so sind wie sie sind, begann er in der selben Minute einen nicht enden wollenden Monolog über sich und sein Leben.
Während er so auf mich einredete, rekonstruierte ich gedanklich die gemeinsamen S-Bahn-Fahrten. Er war ein fürchterlicher Aufschneider. Er redete am liebsten von sich und den immergleichen Themen, seiner Familie und deren Wohlstand, seinen grandiosen Autos, seinen Beziehungen zu diversen Politikern, von seinem Engagement in seiner CDU. Er scheint wenig Feingefühl zu haben, sonst hätte er seinerzeit bemerkt, wie gelangweilt ich war oder aber er bemerkte es und es war ihm schlichtweg egal. Vielleicht mußte er nur ablassen, was nötig war. Soll in anderen Bereichen des Lebens ja auch vorkommen…
Während dieser täglichen 25 Minuten musterte ich ihn zunächst von oben bis unten, faltete nach einer Weile die Hände zusammen, lächelte und sagte hin und wieder “Ah” und “Oh” und wenn es besonders bedeutsam klang, öffnete ich leicht den Mund als sei ich erstaunt und murmelte anschließend ein leises “wunderbar”. Alles in allem benahm ich mich indiskutabel, doch es schien ihm nicht weiter aufzufallen.
Er mußte nach mir aussteigen, doch leider waren ihm die goldenen Regeln des gemeinsamen S-Bahn-Fahrens nicht bekannt, zum Beispiel daß es vonnöten ist ein Gespräch, eine Station bevor das Gegenüber aussteigen muß, abflachen zu lassen. Gelingt einem das nicht, kann man noch die Notbremse ziehen indem man das Gespräch abrupt beendet und den anderen mit einem “Oh, aber Du mußt ja jetzt aussteigen, darüber können wir morgen noch reden!” verabschiedet. Sunnyboy aber sprach noch mit mir, als der Zug schon stand und die Türen sich öffneten. Und auch dann noch, als die ersten Fahrgäste ausstiegen. Er sprach so lange, bis ich der Höflichkeit genug hatte, hektisch aufstand, „Tschüs!” rief und aus der Bahn spurtete, während er – endlich – innehielt und mir dann ein „Bis morgen!” hinterherwarf.
Ich lernte mit der Zeit den Sitzplatz so zu wählen, dass wir nahe der Tür saßen.
Nun, zurück zu unser gestrigen Begegnung. Nachdem ich ein wenig vor mich hingestarrt hatte, die Ohren auf Durchzug, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meinen alten Bekannten, musterte ihn kurz und stellte zufrieden fest, dass ich in den vergangenen Minuten offensichtlich nichts verpasst hatte. Ich lächelte und sagte “Du, ich muß los. War nett Dich mal wieder getroffen zu haben!” – „Ja, total, bis bald vielleicht!” Sprach’s und verschwand in der Unterführung.